„Die Zahl bedeutender Kunstfreunde und anderer Bildungstouristen, die im späteren 18. und im frühen 19. Jahrhundert Venedig besucht haben, ist nicht gering. Zu den nicht wenigen Deutschen gehören auch einige Dichter von Rang, in denen Werk das Italienerlebnis eine große Rolle einnimmt. Am wichtigsten sind Wilhelm Heinse (1746-1803) und Johann Wolfgang Goethe (1749-1832), die Venedig in den 80-er Jahren des 18. Jahrhunderts, besucht haben. Beide haben während ihres Venedig-Aufenthaltes in künstlerischer Hinsicht Eindrücke von unterschiedlicher Intensität erhalten und sich dabei auch für antike Kunstwerke interessiert.“1
Johann Jacob Wilhelm
Heinse war vom 21. November 1780 bis Ende Mai 1781 in Venedig. Auf seiner
Rückkehr nach Deutschland hielt er sich nur wenige Tage in Venedig
auf. Goethe kam das erstemal 1786 nach Venedig und blieb dort vom 28. September
bis 14. Oktober 1786. Zum zweitenmal weilte er vom 31. März bis 22. Mai
1790 in Venedig.
Heinse hatte noch
seine Reisekleidung an, die er bei seiner Wanderung durch die Schweiz
trug. Aus Geldmangel konnte er sich keine neue kaufen. Daher konnte er
auch nicht bei vornehmen Venezianern nächtigen an die seine Empfehlungsbriefe
gerichtet waren. Vor allem belastete ihn die Tasso-Übersetzung. Er
hatte sich verpflichtet, sie bis zum Frühjahr fertigzustellen. So
muß er sich nun in Venedig an die Arbeit machen.
Besonders die Musik
ist es, die ihn in Venedig fesselt. Venedig war, was die Musik anbetrifft,
der erste Ort in Italien. Vor allem in den Hospitälern wurde von den
Insassinnen die herrlichste Vokalmusik geboten. Heinse sprach von „Sirenenkehlen“
der Venezianerinnen. Oft geht Heinse in die Oper. Vier Operntheater
gab es damals in Venedig. Von den schönsten Szenen der Opern, die
er hörte, läßt Heinse Abschriften machen und schickt sie
Freunden nach Düsseldorf. Er hatte kein Geld, um öfter in die
Oper zu gehen. Aber auch ohne Geld konnte man in Venedig die herrlichste
Musik hören in den vielen Kirchen der Stadt. Zu Weihnachten 1780
ist Heinse in der Markuskirche und hört feierliche Kirchenmusik.
Folgten wir A. Zippel in „Wilhelm Heinse und Italien“ sinngemäß,
so zitieren wir ihn jetzt wörtlich2
:
„Seit Mitte Dezember liegt Schnee. Wenn Heinse versucht in seinem Kamin Feuer zu machen, so bringt ihn der Rauch fast zum Ersticken, warm wird es nicht im Zimmer. Und so schließt er sich denn freiwillig als Gefangener ein, liegt 18 Stunden und mehr am Tage im Bett und übersetzt den Tasso. Gegessen wird alle 24 Stunden nur einmal und auch diese Mahlzeit ist recht bescheiden. Zweimal wöchentlich geht er zum Kaffeetrinken, um seine Zeitungen zu lesen , und von Zeit zu Zeit leistet er sich zum Frühstück eine Schüssel Austern, die in Venedig recht billig waren, und eine Flasche alten Cypernwein“.
An anderer Stelle schreibt Zippel:
“Der Karneval mit
seinen Festen, Opern und Komödienaufführungen, und ein Katarrhfieber,
das Heinse sich bei einer Stierhetze holte, halten ihn den ganzen Februar
über von der Arbeit ab und bringen ihn so wenig in ihr vorwärts,
daß er seine für Anfang März geplante Reise nach Padua
bis Mitte April verschieben muß...
Nach seiner Rückkehr
nach Venedig bleibt er noch einige Wochen, um am Himmelfahrtstage den Dogen
auf dem Bucentoro ins Meer hinausfahren und die Vermählung mit der
Adria vollziehen zu sehen“.
A. Zippel schreibt über Goethe:
„Goethe kam als vornehmer, begüterter Reisender nach dem Süden. Er konnte sich einen Diener leisten, konnte bequem reisen und wohnen; Heinse aber zieht wie ein Wanderbursche durchs Land, ist sein eigener Diener, muß bei jedem Bajocco, den er ausgibt, rechnen, ob es am anderen Tage noch zu einer Mahlzeit langen wird; und während Goethe sorglos, nur dem Schauen sich hingebend, reisen kann, muß Heinse die Brotarbeit einer Tassoübersetzung leisten, um für den Erlös noch einige Monate länger in Italien bleiben zu können.“
Heinse und Goethe haben sich ausführlich über archäologische Sehenswürdigkeiten der Lagunenstadt ausgelassen. Jedoch kannten weder Heinse noch Goethe alle Antikensammlungen.
K. Parlasca schreibt dazu:
„Es ist verständlich,
daß Venedig archäologische Schätze im Rahmen der touristischen
Sehenswürdigkeiten damals nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben...
Gipsabgüsse erfreuten sich damals im Gegensatz zu der heutzutage weitverbreiteten
Aversion einer großen Wertschätzung. Heinses ausgesprochen kritische,
negative Einstellung gegenüber Nachbildungen antiker Skulpturen in
diesem Material ist deshalb doppelt auffällig. Er schließt seine
Tagebuchnotiz mit dem Satz: “ Der Abguß trägt immer das todte
der zu mechanischen plumpen Arbeit an sich“.
Heinses Italien-Notizen
– „Eccomi a Venzia“ beginnt sein erster Brief aus Venedig – wurden erstmals
im 20. Jahrhundert gedruckt. Sie erschienen in der Schüddekopf-Ausgabe
1902-1925. Hingegen wurden Goethes Bemerkungen über Venedig wesentlich
früher gedruckt und häufig kommentiert3
. Anmerkungen zu Wilhelm Heinses Antikenbeschreibungen finden sich in einer
Festschrift von H. Koch4.
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1
Parlasca, Klaus: Heinse und Goethe in Venedig – Ihre Bemerkungen zu antiken
Skulpturen – aus: Altertumskunde im 18.Jh. Wechselwirkung zwischen Italien
u. Deutschland. Schriften d. Winckelmann-Gesellschaft 19/2000
2
Zippel, Albert: Wilhelm Heinse und Italien, Jena 1930.
3 Wegner,
Max: Goethes Anschauung antiker Kunst, 2.Aufl. Berlin 1949.
Grumach,Ernst: Goethe und die Antike – Eine Sammlung,
Bd. I-II, Potsdam 1949.
4Koch,
Herbert: Zu Wilhelm Heinses Antikenbeschreibungen, in Deutschland – Italien.
Festschrift für Wilhelm Waetzoldt, Berlin 1941, S. 244 - 285, bes.
S.265
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