Wilhelm Heinse Nachlasstexte
Auswahl: Dr. M. Bernauer
Den 14 Nachmittags auf der Zürcherseite. Es ist der ungeheuerste Krieg der Riesenkräfte der Natur gegen einander. Allmählich vom weiten rauscht der Rhein die Felsen an, die hervorstehen; und fängt schon an zu zürnen, und schäumt an vielen Orten und Seiten auf, bis er sich im Grimm herniederstürzt, und seine Fluthen an den großen Massen von Stein aufbrausen, und immer schneller und jächzorniger mit einer Allgewalt gegen die entgegenstehenden und weit darüber herausragenden unbeweglichen Pfeiler in die Tiefe schießen, daß der Dunststaub davon in die Luft prallt, als ein starker Geist herum wirbelt, immer in feinere Wölkchen sich wälzt, und endlich menschlichen Augen verschwindet. Das unergründlich tiefe Brausen schlägt mit einer entzückenden Majestät in die Ohren. Die zwey hervorragenden Steinpfeiler sehen aus wie feindliche Dämonen; insonderheit hat der erste von der linken Seite, welchen der Anprall runden unten ausgehöhlt hat, einen runden Katzenkopf. Man steht wie mitten in der Schlacht; nur ist der Eindruck weit größer, als er bey einem menschlichen Gewürge seyn kann; und vielleicht dem muthigsten Helden wird es vor dem Gedanken zittern, mit anzugreiffen.
Was dieser Anblick für eine Menge Bilder und Gefühle in mir erregt hat, ist unaussprechlich und unbeschreiblich. Das große Becken, wohinein er stürzt, prallt wieder, wie ein stürmischer See auf allen Seiten. Er körnt oben herangezogen, und fällt mit allerley majestätischen Formen von Kopfsgestalt in Achillischer und Ajaxischer Wuth herein und an, grün, wie Feueraugen, und weich von Schaum wie Sammt und Seiden in brennender Zartheit, die in den allergeschwindesten Momenten sich immer abändert.Auch das bestgemahlte Bild von ihm wird immer todt bleiben. Die Heftigkeit der Bewegung giebt ihm das Leben, welches warm und kalt ans Herz greift, daß einem vor Entzücken und Furcht der Odem aussenbleibt. Man müßte ihn denn von oben herab mahlen, daß man sähe, was er wolle. Er will in die Tiefen der Mutter Erde, um sich mit ihr im Innern zu vereinigen. Ihr Fleisch und Gebein von außen hemmt ihn. Nun trift er Grund an, und will hinein; Felsen halten ihn auf; er stürmt, und führt mit Allgewalt seine Wogen an; schießt hernieder, und schäumt und sprudelt, und löst sich auf im Feuer der Liebe, daß sein Geist in den Lüften herumdampft. Auch will er nicht fort unten, und wirbelt noch lange heiß herum im Becken, als ob ihm die Zeit still stünde.Zürch ist ein sehr angenehmer Aufenhalt. Vor der Stadt ist eine gar herrliche große und lange Promenade von hohen Linden und Nußbaumen und Pappeln um eine breite Wiese herum, wo die Siel mit der Limat sich vereinigt. Der Sonnenuntergang ist da gar schön zu sehen. Die Bürgermädchen tragen lange Zöpfe mit glatt herum gekämmtem Haare. Die Kinder haben runde Hütchen von Stroh oder Filz. Die Bauerdirnen haben fast durchaus Strohhütchen. In Zürch herrscht äußerlich eine große Frömmigkeit. Wann Sonntags gepredigt wird gehen immer durch die Straßen ein Rathsherr und der Scharfrichter. Dieser schlägt alle Hunde todt, die sich sehen lassen, und jener läßt die Leute einstecken, die keine gegründete Ursachen angeben können warum sie nothwendig über die Straße müssen. Im Zürchersee haben sie sechszehnerley Fische; Große herrliche Forellen. Außer dem Rathhause sind wenig schöne Gebäude. Der Thurm vom Münster geht spitz von Steinen in die Höhe; hat aber keine lebendige Form. Schöne Aussicht auf dem Berg, wo man nach Kleinjochen zugeht, über den Zürchersee, dem Hütli gegen über, der mit seinen Felsen hohlmuschelförmig in die Höhe steigt.Zu Ottenbach zu Mittage den 24 August. "Want' rr os Limmel oach si?" Und das sind sie auch. Vierschrötige Bengel lauter Kraft und Stärke, bey denen alle Nerven Stahlgelenke zu seyn scheinen. Keine Falte im Gesicht, alles so straff und festfleischig. Ihre Mienen und Gebehrden und ihr Blick, ist langsames Metallfeuer, Unbiegsamkeit und trotziger Enthusiasmus. Solcher Bursche aber giebts doch nicht in großer Menge, und sie sind zu zählen, wie die gar hohen gesunden Eichen in einem Walde. Doch sind sie noch die Kernsproßen von den alten Stämmen, und man erblickt in ihnen den Genius der Freyheit. Ueber schöne Matten mit lauter Buschwerk und hohen schlangstämmigen Buchenhaynen besetzt und eingefaßt nach Maschwaden und Steinhausen, wo man die Schneeberge gleich vor sich am See sieht; die wie unüberwindliche Festungen des kalten Winters gegen den sentimentalischen Sommer am Firmament des Himmels leuchten. Alles kegelt vor Dorf und Stadt.Den 25 August auf dem Zuger See nach Art; von 10-12 Uhr. Ich bin für himmlischer Freude fast vergangen. So etwas schönes von Natur hab ich mein Lebtage nicht gesehen. Der spiegelreine leicht und zartgekräuselte grünlichte See, die Rebengeländer an den Ufern hinein mit Phälen im Wasser gestützt, die vielen hohen Nuß und Fruchtbäume auf den grünrasichten reinen Anhöhen, die lieblichen Formen den Berg hinan, mit Buchen und Fichten und Tannen besetzt, schroff und schräghinein hier und da, und hier und da Wandweise, hier buschicht wie Bergsammt, dort hochwaldicht mit mannichfaltigen Schattierungen süßen Lichtes; und in der Tiefe hinten der hohe Riegenberg graulicht und dunkel vor der Sonne. Alle Massen rein und groß und ungekünstelt hingeworfen; und weiter hin rechter Hand die hohen Schneegebürge, die über den Streifwolken ihre Häupter emporstrecken. Und wie sich das alles tief in den See unten hineinspiegelt sanfter und milder. Man ist so recht seelenvoll in stiller lebendiger Natur, so recht im Heiligthum empfindungsvoller Herzen. Ich kanns nicht aussprechen; Gottes Schönheit dringt in all mein Wesen; ruhig und warm und rein; ich bin von allen Banden gelöst, und walle Himmel über mir Himmel unter mir im Element der Geister wie ein Fisch in Quelle Seeligkeit einathmend und ausathmend. Alles ist still und schwebt im Genuß. Nichts regt sich, als die plätschernden Flosfedern meines Nachens, der unmerkliche Taktschlag zu dem wollüstigen geistigen Concerte. Immer stärker läuft mir das Entzücken wie ein Felsenquell durch alle Geweebe meines Rückgrads.
Vesuv liegt da, wie ein schrecklicher Sultan, von einem demüthigen Hof von Bergen umrungen; der Apennin rechts an ihm, und zur linken das Gebürg von Surrento. In der Tiefe deckt das Portici ein leichter Morgennebel wie eine zarte Bettdecke. Und auf der See sind tausend Nachen und fangen die unbesorgten Fische, die aus ihren Tiefen sich dem neuen Lichte nähern. Das Meer verliert sich leis wallend wie ein unermeßlicher Lebensquell in ein Chaosdunkel, woraus Capri kaum sichtbar in grauem Duft noch hervortritt. In blaßen Purpur röthet sich auf den Apenninen der Himmel, und der Vulkan athmet stolz der Sonn entgegen in majestätischer Ruhe seinen schwarzen Dampf aus. Und nun steigt sie empor in Strahlengluth vollkommen und unveränderlich, der Geist ihrer Welt, die alles mit Liebe faßt; und in ihrem Glanz spielen die Wellen.
Surent liegt von Bergen eingeschlossen in einem kleinen Thal fast wie ein Hufeisen. Oben sind die schönsten Aussichten, und unten alles voll Oel, Pomeranzen und andre Fruchtbäume, wo man sich hineinverstecken kann. Es ist ein kleines Paradies, wohinein das Meer eine Bucht macht; dessen Ufer sind hohe Felsen, so daß es wie auf einer Bühne da liegt. Man muß aus dem Schiff einen langen Weg auf Terraßen angelegt hinansteigen. Auch die Berge sind mit Wein und Oel bepflanzt, und verschiedne bis auf die Höhen überall, als gerad der, woran es im Theater liegt. Rechts macht der Vesuv eine einzige herrliche große und doch vermittelst der Somma dahinter mannichfache Gestalt. Auf seiner Spitze kann man den herausgerissenen Kessel in seiner schroffen lebendigen Form recht sehen, wie einen scharfen Kegelschnitt. Die Masse des alten Vulkans erscheint hier fast noch ganz in monarchischer Majestät; und der jetzige feuerspeyende Gipfel liegt nur wie ein neuer Ausbruch wie ein junger Sohn im Schooß seines Vaters in dem großen Kreis der Somma, wovon die Hälfte oben versank. Wie ein Tyger oder eine fürstliche Chimäre liegt er unter den Bergen da, und der Dampf aus seinem ofnen Rachen ist schön gräßlich. An keinem ändern Orte möcht ich ihn Feuer speyen sehn; es muß ein wahres Bild rasender Hölle seyn. Unten liegen die Palästchen und Häuserchen von Portici und Resina mit ihren Menschen wie unschuldige Lämmer, die er sich zur Beute her geschleppt; und die alte Mutter das Meer zieht vergebens zärtlich rauschend mit ihren Wogen heran, sie zu retten.Der Torso ist das höchste von einem Ringerkörper; er ruht und sitzt auf seinem Löwenfell. Schönrer und vollfleischigerer Kernstärke, und alles in lebendigster Form abgewogen mit dem feinsten Wahrheitsgefühl, findet man nichts mehr übrig von alter Kunst. Er senkt die rechte Seite und hatte wahrscheinlich den linken Arm über den Kopf geschlagen. Das Brustbein ist so zart gehalten und mit sanfter Fettigkeit überzogen, daß man es kaum merkt. Brust und Schultern und Stärke vom Rücken herum sitzen über der schlanken Mitte ganz unüberwindlich und erdrückend. Die Schenkel sind lauter Mark. Alles ist an ihm in Fluß und Bewegung; und doch ists der allersanfteste Contur. Man sieht alle Theile und ihre Kraft und Stärke, und doch tritt kein Knochen scharf hervor. Es ist recht das höchste Vermögen in höchster Bescheidenheit und Schönheit. Das Ganze vom Laocoon zeigt einen Menschen der gezüchtigt und gestraft wird, und den endlich der Arm der Gerechtigkeit erreicht hat; er sinkt in die Nacht des Todes unter dem schrecklichen Gerichte, und um seine Lippen herum liegt noch Erkenntniß seiner Sünden. Ueber dem rechten Äug und dem weggezuckten Blick aus beyden ist der höchste Ausdruck des Schmerzens. Sein ganzer Körper zittert und bebt und brennt schwellend unter dem folternden tödtenden Gifte.
Seine Phisiognomie mit dem schönen gekräuselten Barte ist völlig griechisch, und aus dem täglichen Umgang von einem herrlichen Menschen weggefühlt, und drückt einen gescheidten Mann aus, der wenig ander Gesetz als seinen Vortheil und sein Vergnügen achtet, und der den besten Stand dazu in der bürgerlichen Gesellschaft gewählt hat. Voll Kraft und Stärke des Leibes und der Seele. Die zwey Buben werden mit umgebracht als Sproßen vom alten Stamme. Das ganze Geschlecht von ihm wird vertilgt. Es leidet ein mächtiger Feind und Rebell der Gesellschaft und der Götter und man schaudert mit einem frohen Weh bey dem fürchterlichen Untergang des herrlichen Verbrechers. Die Schlangen vollziehen den Befehl des Obern feyerlich und Naturgroß in ihrer Art, wie Legionen, die Städte verwüsten.
Das Fleisch ist wunderbar lebendig und schön; alle Muskeln gehen aus dem innern hervor wie die Wogen im Meer bey einem Sturm. Er hat ausgeschrieen und ist in dem Moment wieder Athem zu hohlen. Der rechte Sohn ist hin, der linke wird der Weile festgehalten, und die Drachen werden bald hernach mit ihm vollends kurzen Proceß machen.
Selbst die Schaamtheile des Alten richten sich empor von der allgemeinen Anspannung, Hodensack und Glied, doch ohne Schwellung. Die ganze linke Seite ist ein Wunder von Ausdruck; die Stellung wohl herausgefühlt; kurz es ist ein Non plus vltra in seiner Art. Die Söhne haben gerad so viel Ausdruck als ihnen gebührt, ohne dem Ganzen zu schaden. Der eine ist todt, und der andre leidet noch nicht und entsetzt sich bloß; der Alte zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. An seiner linken Hand kommen mir die Finger ein wenig zu geknöchelt vor, so wie die Zehen an den Füßen; vielleicht solls Krampf von Schrecken und Leiden und Anstrengung ausdrücken.
Der rechte Arm ist erträglich gezeichnet und geformt; aber welcher andre will sich in das lebendige warme Fleisch und die ganze Natur hineinfühlen? er ist kalt und trocken und ohne Gefühl.
Augenscheinlich ist er zusammengesetzt aus zwey Stücken; das rechte Bein mit dem Sohn ein Stück, und er selbst das andre; und es wäre kindisch, wenn die Künstler den ändern Sohn nicht auch aus einem besondern Stück hätten machen wollen. Das Ganze besteht also aus drey Stücken, die übrigen Riße sind Beschädigungen, als an dem linken Schenkel von hinten. Die alten Fugen sind aber so wohl angepaßt, und an solchen Theilen, daß man sie noch jetzt wissen muß, um sie zu finden. Und wenn ihn Plinius an einem Orte sah, wo man nicht wohl hinzukonnte, so war leicht zu denken, er wäre ganz aus einem Stücke Marmor für einen, der Künstler wenig in ihren Werkstätten hat arbeiten sehen. Die zwey rechten Arme an den Buben sind jämmerlich restauriert. Die Gruppe und Maße im Ganzen thut eine gräßliche Wirkung; die Schlangen machen mit den Armen gar zu kurz Federlesens. Man muß sie in der Nähe sehen.
Hermaphrodit hat sich mit der Decke umgewälzt, und man sieht darin noch die Bewegung in den Falten. Das linke Bein hält der Kitzel gekrümt und gebogen, und das rechte streckt er aus, daß die Decke sich straff spannt, und bis in die äußersten Zähspitzen starren und schwellen die Wollustnerven vom ganzen Körper. Sie drückt den rechten Schenkel an, läßt der vollen Schaam Raum, eingezogen und aufgehoben, und dreht den Kopf auf die andre Seite mit zugemachten Augen jungfräulich züchtig zurück.
Hermaphrodit; das höchste Bild der Wollust. Man wird dabey zum Tantalus, und ärgert sich, daß die göttlich schönen Formen von Stein sind. Der Arsch und die Taille in ihrer reizenden Kontur, und die Lage der Verzweiflung mit Kopf und Beinen und Schenkeln aufgebuhlt von hinten entzückend; zarter Fleisch in Stein giebts nicht. Die linke Hand nur allein. Es ist ein solches Leben drin, daß man glaubt, er springt vor Geilheit auf und davon. Er liegt so recht da, wie eine süße reife Frucht für den Schwanz, der wie ein schäumender wilder Tieger darüber hermöchte.Ich konnte der Lust nicht widerstehn, mich zu baden Aus Furcht vor den welschen Straßenräubern scheute ich mich zwar, doch packte ich endlich meine Baarschaft zusammen und steckte sie in meine Unterhosen und legte diese, nachdem ich mich geschwind ausgezogen hatte, auf das zarte lange Gras am Bache. Welch Entzücken! Wahre eigentliche Begattung mit der schönsten zauberischen Gegend. Wie vom fernen Gebürg das Grün zu einer Liebesmelodie sich herwälzt, wie alles üppig froh vollkommen um mich her lebt! Der herrliche wilde Rebenbusch, der seine schlanken Ranken ins Wasser sinken läßt! Die großen Blätter der Wasserpflanzen, die blühenden herum, der frische Reiz und die liebliche Zierde der ihn umfassenden Bäume oben vor seinem Fall, das simple Ganze, was das Äug so entzückt, auf einmal ohne alle Zerstreuung so wollüstig verziert und doch so ganz wie kunstlos, überblickt, nährt des Menschen Geist wie lauter kräftiger Kern. Die Mannichfaltigkeit des ändern Stroms, des bald langsamen bald schnellern Laufs, und gerad immer recht, das reizende Bett überall, so weit man hinkömt, der See in seiner Rundung von einem Amphitheater sich nach einander verlierender höchster Gebürge eingefaßt, das fruchtbare Thal, wodurch er rinnt, der Streit der Nachbarn um ihn, alles macht ihn immer interessanter. Gemahlt bleibt er immer ein armseeliges Fragment, weil kein Zuschauer des Gemähides, der das Original nicht sah, sich das hinzudenken kann, da man es nicht andeuten kann. Und überhaupt ist es Frechheit von einem Mahler, das vorstellen zu wollen, dessen Wesentliches in Bewegung besteht. Poussin mahlte sehr klüglich die Wasserfälle meistens in der Ferne, wo ihre Bewegung sich verliert und sie stille zu stehn scheinen. Nicht weit vom Sturz des Velino ist ein Ponte Regolatoror damit nur eine bestirnte Quantität Wasser hervor kann, um den Torrosinern keinen Schaden zuzufügen. Am Ufer darüber ist eine Mauer gezogen, damit Niemand hinüber kann, mit folgender Aufschrift: „Auf Befehl des hervorragenden und ehrwürdigsten Fürsten Kardinal Francesco Barberini, des Vizekanzlers der Heiligen Römischen Kirche wurde der Zugang zu dieser Brücke über den Velinus geschlossen, damit nicht so sehr die Frechheit des über die Ufer tretenden Flusses als vielmehr die der eindringenden Menschen eingedämmt würde. Dies geschah durch den Abbate Pietro Ottoboni aus Venedig, Senator der Republik Venedig und Gouverneur von Terni. Auf Kosten der Gemeindekasse von Terni im Jahr 1640. Mehr sei gepriesen Urban, welcher durch die Brücke die Verbrechen zügelt, als Clemens, der mit der Brücke lediglich den Wassern Einhalt gebietet." Gleich dahinter geht nehmlich das Neapolitanische an, und die Einwohner von Terni hatten also nur vier oder fünf Meilen um in Freyheit zu seyn, wenn sie ermordet oder sonst ein Verbrechen begangen hatten. Ferner hielten sich eine Menge Straßenräuber auf, und raubten und plünderten. Der Berg an dessen obern Fuß sie steht, ist sehr hoch, und sein Kopf ragt über den Wasserfall stolz und herrlich hervor und giebt ihm eine schöne Zierde. Jetzt müssen sie dieser kleinen Mauer wegen einen Weg von 20 Miglien machen, ehe sie in das Neapolitanische kommen.
Der Aeskulapstempel vor der Stadt al Santissimo Crocifisso ist eine Kinderey. Man merkt gar keine Form mehr von einem Tempel, und es sind 14 zusammengeflickte Säulen zu einem Altärchen, so gut sich es hat schicken wollen. Vier große Korinthischer Ordnung, zwey große Jonischer Ordnung; sechs kleinere Korinthischer Ord. Zwei kleinere aus bruchstücken gestreift und ungestreift zusammengesetzte; eine dorischer Ordnung, der ändern fehlt das Kapital und man hat ihr statt dessen ein Stück Gebälk aufgesetzt. Zwey Große sind schlecht und elend von Backsteinen dazu gemauert und Kalküberschmiert, haben aber Jonische Kapitaler und Kranz. Das dorische Gebälk existiert noch ganz über den kleinern gehört aber wahrscheinlich nicht dazu; die Ochsenköpfe daran sind ganz abgerieben. Doch es verlohnt sich nicht der Mühe, viel Reden darüber zu verlieren, weil es ein Quark ist, obgleich Bernouilli den löblichen Volkmann darüber falsch corrigiert, und dieser seine Correctionen wieder abgeschrieben hat, so wie der gute ehrliche Mann alles abschreibt. Es ist ein Elend und Jammer wenn man den deutschen Baronen so Häkerling und Stroh von diesen zwey blind in den Tag Hineinreisern und alles Aufschreibern auftischen sieht.
Abends angelangt zu Angeli. Gut gegessen und getrunken. Padre Penitenziario ein Ungar, Organist, gute Haut. Der Padre Marcellino un Porco di S. Francesco; wie ich ihm alle die Reize von dem Thal di Spoleto erzählt hatte, blieb er ganz still dabey; aber wie ich nur das Wort trotte vom Clitumnus nannte, schmatzte er in der That wie ein Schwein und wurde lebendig, catteral rief er aus. Wie ich dem Layenbruder sagte ho studiato le scienze [ich habe die Wissenschaften studiert] verstund er stuccatore, und sagte: ah damit verdient man viel Geld in Italien, das ist ein gut Handwerk, das geht. Die Porci di S. Francesco merkten endlich, daß ich nicht ihres Gelichters war, und suchten mich geschwind los zu werden, aber es half ihnen nichts; es kam ein Gewitter mit lauter Wolkenbrüchen von Regen, und ich blieb solange bis dieser vorbey war; doch speist ich nicht bey ihnen sondern in einer osteria zu Assisi für 6 Baj. Der Pater Penitenziario Haftl führte eine herrliche blecherne Schachtel mit dem feinsten Zucker und Moccabohnen bey sich; die Tasse Kaffee, die ich davon trank, bekam mir herrlich. S. Francesco hat schlechte Heiligkeit bei mir erregt; denn mir träumte bey seinem Heiligthum von einem verführerischen Mädchen und ich hatte eine Herkulische Pollution.
Bis an das Dorf Passignano geht man immer an niedren Hügeln hin, die von der See hundert und zuweilen zweyhundert Schritt abstehen, und der Raum ist mit herrlichen alten Oelbäumen, Ulmen mit Reben, hohen Eichen und Cypreßen bepflanzt, und unten wächst meistens Hanf. Die See giebt gegen Toricella oder nach Perugia zu einen mahlerischen Anblick; und in der Länge verliert sie sich in den Horizont. Bey Passignano rückt der Berg immer näher an die See, und es bleibt kurz davor nur gerad so viel Platz, daß ein Wagen passieren kann. Hierher trieb Hannibal nach der Niederlage einige Meilen in einer weiten Ebne, etwa ein paar Miglien, die Römer wie man Fische in ein Netz treibt. Diese große Geschichte, die so erstaunliche Folgen hätte haben können, macht die Gegend äußerst interessant; und nach Passignano wird sie überaus fruchtbar und lebendig: die vielen tausende Erschlagene düngen vermuthlich noch das Feld, und ich habe mit meiner foglietta Wein nella casa del piano wahrscheinlich mich noch mit altem Römergrimm, der ins Gras biß, gestärkt. Die Wörter Ossaja und die Brücke Sanguinetto klingen ganz homerisch bey einem frischen Zug in heißer Hitze. Hier trank ich wieder vino crudo; denn von Spoleto an bis hieher trinkt man lauter gekochten, weil dieser sich besser hält; wenn man sich keinen fremden geben läßt, der aber natürlich theurer ist.Das Hauptgemählde der Kirche ist an der zweyten Kapelle rechter Hand vom Haupteingang; in der That ein fürtreflich Stück und das schönste von Kortona. Das Ganze stellt eine Madonna vor die allerley Thiere und Gestalten der Hölle unter ihren Füßen hat in der Luft schwebend von Wolken getragen, in göttlichem Glanz neigt sich zu ihr Gott der Vater mit einem absurden süßlichem Gesichte, das viel verderbt. Unten stehen vier Heiligen und beten sie an S. Dominicus, S. Francescus, S. Ludovicus, und die heilige Margaretha, und neben dieser ein reizender Engel mit blondem Köpfchen, welcher eine Tafel in der Hand hält, worauf geschrieben steht Ab original! praeservata. Neben diesem ein paar gebundene nackte Figuren im Schatten, nur vom Oberleib zu sehen. Die Madonna hat ein reizend göttlich Köpfchen voll Naturgestalt, und Süßigkeit und Heiligkeit. Der hl. Dominicus hält den hl. Francesco umfaßt, und der hl. Ludovicus kniet, und ist fürtreflich samt seinem Gewand gemahlt; die hl. Margaretha macht mit ihrem Alter und ihrem Charakter und Nonnenhabit einen schönen Kontrast. Kurz, es ist ein Meisterstück, alle Köpfe sind vortreflich von Gestalt und Ausdruck, bis auf Gott den Vater, wenn dieser weggemahlt wäre, so war es in seiner Art ein klaßisch Werk. Ich habe es nicht genug ansehen können. Unser Herr Gott ist gerad mit einem Gesicht gemacht, als ob er die Madonna gnädig vögeln wollte; und sie schaut ihn an, wie eine Cirkaßerin einen alten Sultan mit Demuth und göttlich lieblichen Augen. Madonna, S. Ludovico und der Engel sind die drey besten Figuren; wem der Engel gehört ob dem Baroccio oder Vanni muß die Geschichte zeigen.
Venedig von der Brenta sieht aus wie ein endlich sichrer Zufluchtsort von dem Lande weggeprügelter, und weggescheuchter furchtsamer Hasen; die sich hernach groß und zu geflügelten Löwen gemacht haben, als die Feinde ihnen übers Wasser nicht nach konnten, und sie von fern sicher sehen mußten. Eine unüberwindliche Festung ists gewiß, weil durch die Sümpfe nicht anders als kleine Barken anlanden können. Schön ist es nicht; die spitzen Thürme, und paar Kuppeln sind ein Elend gegen Rom, Neapel und Genua. Es ist ein unzukommlich Hafennest; aber eben weil es unüberwindlich, und unzukommbar ist, trägt es, vom unendlichen Meer umgeben, eine gewisse Majestät an sich. Näher sieht man nur kleine Fenster im verwirrten Gewühl und häßliche Mauern. Die Giudecca hat allein Grün und sieht lebendig aus; alles andre sieht aus wie auf einem platten Felsen im Meer gebaut; oder wenn man will wie hohe wunderbare Schiffe mit Ankern im Meer fest gehalten.
Die Venezianerinnen sind gewiß reizende Geschöpfe und ganz gemacht zur Wollust. All ihre schönen Gesichter haben etwas brennend süß gefälliges, und äußerst feines; besonders sind ihre Nasen schön, so wie bey den Römerinnen, die Augen. Die Form ihres Gesichts ist meistens länglicht. Sie haben eine sehr zarte Haut und ein blühend Kolorit, weil sie nicht in die Sonne kommen. So bald sie nur einen Jüngling ansehen, scheint eine bräutliche Schaamröthe um ihren Mund herum in einem wollüstigen Lächeln aufzugehen, als ob man sie schon vor dem Bette halb entkleidet vor sich hätte. Alles stimt auch bey ihnen auf den Hauptentzweck, die Wollust, bis auf ihre Gondeln, die die vollkommenste Lage zum bequemsten Genuß anbieten; einen weichen Polster für den Hintern, der den Wollusttheilen völligen Raum und alle Freyheit läßt, und zwey Bänke daneben, die Beine darauf auszubreiten. Jeder Ruck des Gondelführers mit dem Ruder ist ein Wolluststoß. Es ist das größte Unglück für sie, daß das Venerische Uebel hier eingedrungen ist, wofür sie sich nicht hüten können, und welches in der gesalzenen Luft gräuliche Verwüstungen anrichtet, besonders an den Nasen; und man sieht eine Menge ohne dieselben herum gehen. Der Rath läßt jedem in diesem Punkt Freyheit, und bietet sogar die Hand dazu. Die Nobili, die herrschen und den Hauptgenuß haben, müssen immer auf Zeitvertreib für ihre Unterthanen denken, damit sie in Ruhe bleiben.
Die Huren in Venedig sind ein Commerzartikel, und man schämt sich gar nicht zu ihnen zu gehen, oder welche zu halten. Jetzt sind sechszig Posten, jeden verkauft die Republik mit achtzig Zechinen, und er bleibt alsdenn bey dem Hause, so lange bis Niemand darin ermordet wird, oder andre Umstände den Rath nöthigen, den Posten zu versperren, und die Fenster mit eisernen Gittern zu verschränken. Der Hausherr bezahlt hernach alle halbe Jahr elf Zechinen an die Republik. Dafür darf er denn in einem Zimmer eine Hure halten, und sie muß ihm allezeit die Hälfte vom Gewinn geben. Er beköstigt dieselbe, und giebt ihr eine Magd zur Aufwartung, für Kleidung Frisur und alles andre muß sie selbst sorgen. Was die Venerische Krankheit betrift, muß er hierbey auf seinen eignen Vortheil denken, und seinen Posten in keinen üblen Ruf kommen lassen. Wie schnell dieß abgewechselt werden muß, kann man leicht dadurch sehen, daß in dem Eckzimmer al ponte dei Assassini in einem halben Jahre allein fünfzehn Mädchen nach und nach deßwegen abgeschaft wurden. Die wohlgebildetern haben ihren Posten im zweyten Stock, und stehen oder sitzen im Fenster worin aber nie Glasscheiben seyn dürfen, um ihre Zimmer zu unterscheiden. Sie bekommen etwas mehr, und man giebt ihnen gewöhnlich vier Lire. Für eine ganze Nacht bekommen sie das Doppelte. Die ändern sitzen vor den Hausthüren, und deren Tax ist auf zwey Lire gesetzt. Wenn die Mädchen hier einmal eingestellt sind, so dürfen sie nicht heraus, und in Gondeln ihre Wirthschaft treiben. Sie müssen immer allert und bey der Hand seyn, und niemals verdrüßlich. Bey den säuberlichem trift man allezeit Contons an, ob sie gleich sehr scharf verboten sind, und bezahlt ihnen für das Stück drey Lire. Sie sind meistens sehr naiv, und erzehlen einem leicht ihre Lebensgeschichte mit allen Umständen, wo die erste Entjungferung einen Hauptartikel ausmacht. Auch sind sie übrigens gut zur Unterhaltung, und gewitzigt und gewürfelt durch den mancherley Umgang mit verschiedenen Menschen, wo sich allezeit die Natur bis auf ihre geheimsten Theile sehen läßt. Man geht oft zu ihnen zum bloßen Zeitvertreib, und läßt sich ihr Nackendes zeigen, wo ein Künstler die Schönheit der einzeln Theile gut studieren kan; denn es giebt doch unter ihnen eine Menge reizender Gestalten, die sich überdieß Monat und Vierteljahrweise abändern. Und außerdem braucht man sie mit ihren Erzehlungen Zb. von der Verschiedenheit der männlichen Zeugungsglieder, und Arten die Wollust zu genießen, wie eine Pucelle d'Orleans, oder ein ander witziges Buch. Um dieses Vergnügen zu haben, muß man aber schon Stoiker genug seyn, um sich wenigstens nicht so plump einzulassen, daß man das Venerische Uebel an Hals bekäme.
Uebrigens machen noch eine Menge Mädchen und Weiber die Courtisanen, und werden zum Theil von den Reichen und Nobili dazu unterhalten; worunter so gar verschiedene Sängerinnen in den Hospitälern gehören. Mit diesen macht man Spazierfahrten in Gondeln; denn sie haben immer einen Gondolierer an der Hand.Der Dom ist das herrlichste Sinnbild der christlichen Religion, das ich noch gesehen habe; gigantisch und handwerksburschenmäßig in Plan und Ausführung; ein Werk der allermächtigsten Einfalt mit einem Plan nach dem Kreuze, so natürlich wie ein Kind finden kann. Die Verzierungen passen recht treflich dazu, und sind so recht für alte Weiber und dumme Bauernbuben; statt der Kapitaler der achtgefachen Säulen lauter kleine Heiligen mit einem ganz kleinen Thron ein jeder. Und so, glaub ich, giebts keinen Propheten und Apostel und bekannten Heiligen mehr, der hier nicht innen und außen, oder in den gemahlten Fenstern seinen Platz hätte. Die Zahnstocher, die von außen auf jedem Pilaster mit einer Figur vollends kommen, machen das Werk so recht Ygelborstig. Die Madonna präsentiert schön oben verguldet auf der spitzen Kuppel, und neben an verschiedne Engel und Apostel. Mit den Thüren vorn im antiken Geschmacke zu dem krausborstigen Gothischen stellt es so recht die christliche Religion bis auf unsre Zeiten vor, und was Calvin und die Berliner, und andre neuere Pharisäer daran gekünstelt haben. Eine größere Anzahl von Wechselbälgen giebts wohl nicht so beysammen, als die Statuen in und außer dieser Kirche ausmachen. Sie muß ungeheure Summen gekostet haben, und noch kosten, da alles von außen von Marmor ist, und so meistens auch innen. Gestehen muß man gewiß, daß ein solches Gebäude ganz anders zum christlichen Glauben paßt, als die Peterskirche in Rom und die Rotunda; wo man sogleich sieht, daß die Leute, die es bauten und bauen ließen, kein Quentchen Ueberzeugung von ihrer Religion hatten. Diese hingegen zeigt nichts in ihren düsterm Chor und scharfen spitzen Bogenwinkeln, und Ungeheuern Säulen ohne lebendige Form, und dem Haufen Unsinn von Verzierung als Hölle, Tod und Verdammniß, und einen erschrecklichen Gott der jeden kleinen menschlichen Fehler mit ewigen Quaalen straft, und eine rasende Menge Tröpfe; Fantasten und Betrieger. Inzwischen macht er immer besonders im Anfang eine sehr starke Wirkung auf jeden, wegen seiner koloßalischen Höhe, dem freyen Raum, der durch die Säulen weit weniger als die Pilaster gehemmt wird, und wegen des düstern Lichts der gemahlten Fenster, zumal hinten im Chor; und der Plan überhaupt ist einfach und hat nichts anstößiges im ersten Blick.
Im Zimmer der Psyche aber hat er alle seine Kraft angewendet. Die ganze Geschichte ist an Gewölbe Stück vor Stück nach dem Apulejus vorgestellt, worunter ganz fürtrefliche Bilder; als wie Psyche die Früchte aus einander liest und ihr Ameisen helfen, ein wirklich Raphaelisch Mädchen, und auch fürtreflich gemahlt und bekleidet. Wie Psyche schläft ist eben so schön. Wie sie die Ceres bittet, hat er einen tüchtigen Priap als Gott der Garten angebracht. Es sind hier verschiedne große Kunststücke von Verkürzungen, die aber wegen Mangel an natürlichem Kolorit keine Wirkung machen. Die untern Bilder in Lebensgröße übertreffen aber doch diese Obern; und hier hat sich Giulio seinem eignen Geist überlassen. Ueber den zwey Fenstern nach dem Garten zu hat er zwey äußerst wollüstige Gruppen hingemahlt. Zevs ist gerad im Moment über die Olympia, mit einem Drachenschweif statt der Beine, sonst an allem ein wohlversehener tüchtiger Kerl, herzusteigen; er hält sie schon mit der rechten an der linken Schulter und ist zwischen ihren ausgebreiteten Schenkeln; sie sieht ihm voll Verwunderung doch nicht abgeneigt zu, was er anfangen will. Schaam und Unterleib, und Brüste ist dem Zuschauer ganz frey und nackend wie die Natur vor Augen. Das andre stellt die Pasiphae vor, wie sie in die Kuh steigt; diese hat den Schwanz auf die Seite gehoben, ganz brünstig. Dädalus hilft ihr mit einem geilen Gesichte. Die Figur der Pasiphae ist fürtreflich.