Motezuma
– La conquista des Messico Opera seria von Gian Francesco de Majo (1732-1770)
Vortrag am Freitag, 20.10.2006 in Langewiesen von Burkhard Fleckenstein, Kulturamt Aschaffenburg
Wilhelm Heinse: Hildegard von
Hohenthal
Musikroman
mit ausführlichen Beschreibungen der Oper „Motezuma“ von Gian Francesco de
Majo
In Mainz und Aschaffenburg vollendete Wilhelm Heinse seinen Roman„Hildegard
von Hohenthal“. In diesem dreibändigen Roman breitete er seine während
vieler Jahre gesammelten musikalischen Erkenntnisse und Einschätzungen aus: Es
geht vor allem um die menschliche Stimme, ihren Ausdruck und die Technik des
Gesangs, und um die italienische Oper des 18. Jahrhunderts. Deren bedeutendste
Komponisten wollte Heinse in Erinnerung bewahren. In den Dialogen zwischen dem
Kapellmeister Lockmann und der Sopranistin Hildegard von Hohenthal spielt unter
anderem die Oper Motezuma von Gian Francesco de Majo eine große Rolle.
Wilhelm Heinse widmet sich in seinem Musikroman „Hildegard von Hohenthal“
ausführlich diesem italienischen Komponisten, der zu den großen
Opernkomponisten des 18. Jahrhunderts gehörte und das Schaffen des jungen
Mozart beeinflusste.
Gian Francesco de Majo
Die kurze
Laufbahn Gian Francesco de Majos (Neapel, 24. März 1732 – Neapel, 17.
November 1770) zeigt dies beispielhaft. Nach der strengen Lehrzeit bei seinem
Vater Giuseppe, einem bedeutenden Vertreter des Musiklebens Neapels im Rang des
ersten Kapellmeisters des königlichen Orchesters schlägt er früh die Laufbahn
des Berufsmusikers ein und spielt seit 1747 das zweite Cembalo. Der Vater stellt
das Gesuch, den Sohn in das königliche Orchester aufzunehmen. .Entsprechend der
üblichen Praxis erhält der junge Musiker eine außerplanmäßige und
unbezahlte Anstellung, die jedoch mit dem Titel eines Maestro am königlichen
Orchester von Neapel verbunden ist. Dieser Titel bestätigt nicht nur seine
berufliche Qualifikation, sondern verschafft auch Ansehen auf dem
internationalen Markt.
1750 gelingt es ihm, nach dem Tod Pietro Scarlattis ein mehr als bescheidenes
Monatseinkommen von einem Dukaten zu erhalten, das 1758 auf acht Dukaten erhöht
wird, als er die Stelle eines zweiten Organisten einnimmt. 1767 bemüht er sich
vergeblich um den Titel seines Vaters, der ihm von Piccinni streitig gemacht
wird. De Majo gibt enttäuscht seine Hoffnungen auf und ist an verschiedenen
italienischen Theatern tätig, bevor er im Januar 1770 von neuem die Anstellung
als zweiter Organist am königlichen Orchester erhält.
Im Gegensatz zu der ungesicherten Position im königlichen Orchester macht er
als Opernkomponist eine steile und erfolgreiche Karriere, die von Anfang an mit
äußerst schmeichelhaften Kommentaren bedacht wird. Niemand geringerer als
Carlo Goldoni, der im Februar 1759 der römischen Premiere einer Oper de Majos
beiwohnte, notiert in seinen Memoiren:
„...im nämlichen Theater sah ich auch die Premiere der Oper von Ciccio de
Mayo. Der Applaus war gewaltig. Ein Teil des Publikums zog am Ende der Aufführung
aus dem Theater, um den Maestro in einem Triumphzug nach Hause zu tragen; die
andern blieben im Saal und riefen so lange „Es lebe Mayo“, bis auch das
letzte Licht gelöscht war.“
Der Musiker wird schnell in der nationalen und internationalen Musikwelt
bekannt, und nach den Aufführungen in Italien – Livorno (La Almeria, 1761),
Venedig (Artaserse, 1762), Turin (Catone in Utica, 1763), Rom (Demofoonte, 1763)
– schließen sich die Theater von Wien (anlässlich der Krönung Josephs II.
1764 Alcide negli orti esperidi) und Mannheim (Ifigenia in Tauride, 1764) an.
Das Ansehen und der außerordentliche Erfolg de Majos, dessen Musik selbst von
Mozart gelobt wird, bringt ihm eine Reihe von bedeutenden Aufträgen ein, die
seine führende Rolle in der Opernwelt bestätigen.
Auf der Rückreise von Mannheim macht er von neuem in Turin Station, um für den
Karneval des Jahres 1765 die Oper Motezuma zu inszenieren.
Der Text von Vittorio Amedeo Cigna Santi, der auf einem genauen Studium von
Quellen zur Eroberung Mexikos basiert, stellt die Begegnung und den Konflikt
zwischen Moctezuma und Hernán Cortés in den Vordergrund, während die
Ereignisse der Eroberung in den Hintergrund treten und die Perspektive der
Quelle, die sich an der Figur des Konquistadoren orientierte, eine Wandlung erfährt.
Zum historischen Hintergrund des Librettos
Moctezuma II.
(spanisch Montezuma, eigentlich Motecuhzoma Xocoyotzin [moteku'soma ∫oko'jotsin];
* um 1465, † 30. Juni 1520 in Tenochtitlan, Mexiko) war der bekannteste
Herrscher des Azteken-Reiches.
Der Nahuatl-Name des Herrschers ist für die spanische Phonologie fremdartig und
schwer wiederzugeben, weshalb die Spanier eine Verballhornung benutzt haben:
Moctezuma, was später durch analogische Fehlinterpretation zu Montezuma wurde.
Bevor Montezuma seinem Onkel Auítzotl auf den Thron folgte, war er Hohepriester
der höchsten aztekischen Gottheit Huitzilopochtli. Er herrschte seit 1502 über
ein auch nach europäischen Vorstellungen mächtiges Reich. In dieser Zeit
erweiterte er das Reich kompromisslos.
Hernando Cortez landete am 12. März 1519 mit 650 Spaniern und 200 Indianern an
der Mündung des Tabasco und eroberte nach und nach das Aztekenreich. Montezuma
spielte dabei eine wesentliche Rolle, da er, tiefgläubig, die Ankunft der
Spanier als angekündigte Rückkehr des Gottes Quetzalcoatl interpretierte und
so zu spät und zaghaft auf die Bedrohung reagierte.
Doch die Spanier agierten in völligem Desinteresse an den Sitten und Gebräuchen
der aztekischen Bevölkerung, zertrümmerten deren Götterbilder und duldeten Plünderungen.
Ihrer überdrüssig, wandten sich aztekische Adlige an den Bruder des
Herrschers, Cuitláuac, der einen Aufstand anzettelte und die Spanier kurzzeitig
vertreiben konnte. Bei dieser Gelegenheit wurde Montezuma gestürzt und anschließend
gesteinigt. Seinen Nachfolgern Cuitláuac und Cuáutemoc gelang noch einige Zeit
Widerstand. Cuáutemoc, der letzte Aztekenherrscher, wurde jedoch von den
Spaniern 1522 hingerichtet.
Im Laufe des 18. Jahrhunderts werden auf dem Theater immer häufiger Opern mit
exotischer Thematik aufgeführt und ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wächst
das Interesse an „amerikanischen“ Themen gewaltig an. Diese Erscheinung ist
Teil der allgemeinen Diskussion über die „Neue Welt“, die von immer
breiteren kulturellen Schichten geführt wird, bei denen das Interesse an einer
„wissenschaftlichen“ Erforschung eines höchst umstrittenen historischen
Kapitels ständig zunimmt.
Das besondere Interesse an „exotischen Themen“
In den
sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts entstehen eine Reihe von
Opernbearbeitungen, die sich auf die Eroberung Mexikos beziehen, nachdem
Friedrich II. von Preußen 1755 das Thema mit seinem Montezuma in einer
Vertonung von Carl Heinrich Graun erfolgreich lanciert hatte. Dabei war die
religiös-politische Polemik unübersehbar: In der Hand des Monarchen wurde die
Thematik zum willkommenen Anlass, mit dem Vorgehen der Kirche ebenso wie mit dem
unrechtmäßigen Besitz der Kolonien seitens der spanischen Krone ins Gericht zu
gehen.
Während die beiden ersten Fassungen des Textbuches bald aus dem
Theaterrepertoire verschwinden, hat unter anderem das Librettos von Vittorio
Amedeo Cigna Santi von 1765 beachtlichen Erfolg.
Das Libretto setzt sich bald in den Theaterzentren Italiens durch, wo es nach
der Premiere in Turin in vielen anderen Städten und im Ausland zu Aufführungen
kommt. Unter den zahlreichen Komponisten, die das Libretto vertonen, sind neben
de Majo auffallend viele Vertreter der neapolitanischen Schule, die seit den
ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts einen glänzenden Siegeszug an den europäischen
Bühnen antreten.
Die Neapolitaner sind die Stars der europäischen Musikszene und verbreiten
Wissen und Fertigkeiten, Kenntnisse und Wissenschaft einer Stadt, die seit jeher
den Möglichkeiten des Theaters große Aufmerksamkeit schenkte. Es handelt sich
um technisch perfekte Bühnenprofis, die über Geschmack und Neugierde verfügen,
offen sind für jede neue Erfahrung und Aufführungspraxis und den Lockungen und
Gesetzen eines großen Marktes gehorchen. Da sie zu jedem Ortswechsel bereit
sind, verbreiten sie die charakteristischen Merkmale eines einzigartigen künstlerischen
und intellektuellen Milieus und erneuern, erfinden und reformieren die
Ausdruckssprache der Bühne ihrer Zeit.
Zum Inhalt der Oper
ERSTER AKT
Motezuma ist
durch die unheilvollen Vorzeichen der Gestirne und die Zurückhaltung der Götter
verunsichert und weiß nicht, welche Strategie er angesichts der Ankunft der
Spanier verfolgen soll. In seiner Unschlüssigkeit beschließt er, seine Truppen
in Alarmbereitschaft zu versetzen und den Fremden kostbare Geschenke zu überbringen,
in der Hoffnung, sie damit zu beschwichtigen. Um die Gaben noch verlockender zu
machen, befiehlt er, zusammen mit den anderen Sklavinnen auch die Prinzessin
Lisinga, seine Gefangene und eine stolze Feindin der königlichen Sitten, zu den
Spaniern zu schicken. Motezumas bereits angekündigte Hochzeit mit Guacozinga muß
derweil auf bessere Zeiten verschoben werden.
Cortes erreicht mit seinen Truppen, die von den Verbänden unter Teutiles Führung
verstärkt werden, die Stadt und erringt einen Sieg über das mexikanische Volk.
Angesichts dieser Ereignisse hält es Motezuma trotz der Warnungen seiner
Verlobten für angebracht, den Heerführer zu empfangen, um mit ihm einen
Freundschaftspakt zu schließen. Unter diesen Umständen trifft Lisinga – die
von Pilpatoe geliebt wird, aber dessen Gefühle nicht erwidert – den geliebten
Teutile wieder.
ZWEITER AKT
Das erste
Treffen zwischen Motezuma und Cortes vollzieht sich mit ausgesuchter Höflichkeit,
obwohl der Spanier Pilpatoe anvertraut, daß er einen Volksaufstand befürchtet.
Beim nächsten Treffen der beiden versucht Motezuma herauszufinden, welche Pläne
der Eroberer hegt: Cortes beruhigt ihn und betont seine freundschaftlichen
Absichten. Im Verlauf der Unterredung schlägt ihm Cortes unter anderem vor,
sich dem katholischen Glauben zu unterwerfen, jedoch ohne Erfolg, obwohl
Motezuma verspricht, über die angebotenen Bedingungen der Freundschaft zwischen
den beiden Kaiserreichen nachzudenken. Guacozinga ist erzürnt über den Verlauf
des Gesprächs und macht dem Spanier heftige Vorhaltungen.
Lisinga informiert Cortes über einen möglichen Aufstand der feindlichen
Truppen und des Volkes. Trotz des Widerstandes von Guacozinga hält Cortes es für
angebracht, den Herrscher in seinem Lager zu beherbergen – nicht als
Gefangenen, sondern als Bürgen für den Frieden, um auf diese Weise eventuelle
aufrührerische Pläne vereiteln zu können. Bevor er den Palast verläßt, hört
Motezuma Guacozingas Rachepläne an, ohne sie beruhigen zu können.
DRITTER AKT
Guacozinga ist
wutentbrannt, weil die mexikanische Armee sich noch nicht erhoben hat, und
veranlaßt Pilpatoe, den Gegenangriff zu beschleunigen. Lisinga versucht, die
gereizte Guacozinga mit dem Hinweis zu beruhigen, daß sich der Herrscher nicht
in Gefangenschaft, sondern in Freiheit befinde, und fordert sie auf, ihn
aufzusuchen. Inzwischen vertraut Teutile der geliebten Lisinga seine Befürchtungen
an, denn er hat Anzeichen des bevorstehenden Aufstandes wahrgenommen und hält
es für notwendig, Cortes zu benachrichtigen. Als dieser von der Verschwörung
unterrichtet wird, ist er von der Schuld Motezuma überzeugt und läßt ihn
verhaften.
Der Spanier erkennt aber schnell die Unschuld des Aztekenherrschers, der nichts
von dem geplanten Aufstand gegen die Fremden weiß. Um Cortes seine Freundschaft
zu beweisen, beschließt Motezuma, zu den Aufständischen zu sprechen, obwohl
Guacozinga ihm dringend davon abrät.
Im Laufe des Zusammenstoßes, bei dem sich die Vormacht der Spanier behauptet,
erfährt Cortes von der Ermordung Motezumas durch das eigene Volk während
seiner Rede von den Zinnen der Festung und vom letzten Willen des Azteken, der
sein Reich der spanischen Krone abgetreten hat und von seinem treuen Freund
Rache verlangt. Cortes schwört, Motezuma durch die Unterjochung des verräterischen
Volkes und die Zerstörung seiner Tempel zu rächen, doch die herbeieilende
Guacozinga belehrt ihn, daß sie die Stadt bereits in Brand gesetzt hat, um zu
verhindern, daß sich die fremden Usurpatoren der Schätze der Stadt bemächtigen.
Zur allgemeinen Bestürzung bringt sich Guacozinga um und die Umstehenden können
nur noch den Triumph des “Glaubens” über die “Gottlosigkeit”
feststellen.
Wilhelm Heinse und die Oper „Motezuma“
„Er ist ein
wahrer lebendiger Quell...von natürlicher Melodie und Harmonie; und durchaus
das glücklichste Original. Kein andrer Tonkünstler erweckt eine solche
Heiterkeit in meiner Seele.“
So äußert sich Wilhelm Heinse in seinem Musikroman „Hildegard von
Hohenthal“ zur Oper „Motezuma“ von Gian Francesco de Majo.
Heinse selbst hat die Oper nie gehört, lediglich ein unvollständiges Exemplar
der Partitur stand ihm für seine Beschreibungen zur Verfügung. Seine
detaillierten Ausführungen und die Würdigung der Musik de Majos in seiner
„Hildegard von Hohenthal“ jedoch sind Ausdruck seines ausgeprägten
Urteilsvermögens. Wie Mozart, der 1770 als 14jähriger in Neapel Musik de Majos
hört, erkennt und würdigt Heinse die herausragende Bedeutung des
neapolitanischen Komponisten.
Die Aschaffenburger Aufführung
Die Stadt
Aschaffenburg hatte es sich zum Anliegen gemacht, gemeinsam mit den Heinsestädten
Langewiesen und Mainz anlässlich des 200.Todestag Wilhelm Heinses, dieses
bedeutenden Schriftstellers des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu gedenken. Neben
Vorträgen und Ausstellungen war diese Opernaufführung Wilhelm Heinse gewidmet.
Die Oper wurde eigens für das Aschaffenburger Stadttheater inszeniert. Der
neapolitanische Dirigent und Musikwissenschaftler Antonio Florio bearbeitete die
Partitur, erstellte das Aufführungsmaterial und konnte den mexikanischen
Regisseur Sergio Vela für dieses Projekt begeistern. Das Ensemble „Cappella
de‘ Turchini“ unter Leitung von Antonio Florio, das auf Originalinstrumenten
spielt und unter die führenden europäischen Ensembles im Bereich des
Originalklangs einzuordnen ist, übernahm den Orchesterpart. Die fünf
italienischen Sängerinnen Maria Ercolano, Maria Grazia Schiavo, Dionisia Di
Vico, Roberta Andalò und Gabriella Colecchia, sowie der Tenor Makato Sakurada
gestalteten die Vokalpartien, die den Ausführenden das äußerste an
Gesangskunst abverlangten.