Heinse, Lessing, Winckelmann und die Laokoongruppe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Laokoongruppe
Gefunden 1506 auf dem Esquilin in Rom.
1. Jh. v. Chr. Marmor. Höhe 2,42 m.
Vatikanische Museen

Der antike Schriftsteller Plinius der Ältere bezeichnete die Laokoongrupe als die „schönste Skulptur der Antike“. Sie ist eine plastische Gruppe des Hellenismus aus der Zeit Alexander des Großen (356-323 v. Chr.) Die von Alexander gegründeten Königreiche (Dadochen) wurden von den Römern 31 v. Chr. besiegt.
Die hellenistischen Griechen faßten Kunst als etwas auf, das unterhält und Vergnügen bereitet.
Die Skulptur wurde einige Jahrzehnte vor der Schlacht bei Aktium ( 831 v. Chr.) von Athandoros, Hagesandros und Polydoros geschaffen, einer „Bildhauerdynastie“ auf Rhodos, die auch Priesterämter bekleidete.
Sie wurde zur Zeit der Renaissance 1506 in den Trümmern des Hauses Nero in Rom gefunden und kam in das römische Museum und später in das Museum des Vatikans.
Die Großartigkeit der Komposition, die Meisterschaft der Körperbehandlung und vor allem der seelische Ausdruck des Laokoongesichtes wurde immer wieder hochgelobt. Erinnert sei an Lessings berühmte Abhandlung „Laokoon oder die Grenzen der Malerei und Poesie“.
Der Kunstschriftsteller und Archäologe Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) erkannte die unerreichte Qualität der älteren griechischen Kunst. Aus der Gestaltung des Kopfes von Laokoon schließt er auf eine große und gesetze Seele des Priesters, der Schmerz ertragen kann, ohne zu schreien. Dieser Schmerz äußert sich dennoch mit keiner Wut im Gesicht und der ganzen Stellung.
"Laokoon leidet...sein Elend geht uns bis an die Seele...aber wir selbst wünschten, wie dieser große Mann das Elend ertragen zu können“.
Winckelmann sieht als erstes und richtungsweisendes Prinzip der bildenden Künste bei den alten Griechen: „Edle Einfalt und stille Größe“. Er wurde durch Laokoon zu seiner Hypothese veranlaßt. Beschrieben und begründet hat er dies in seinem Werk „Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“.
Gotthold Ephraim Lessing untersucht die Verschiedenheit der Darstellung eines Stoffes durch die Malerei (alle bildenden Künste inbegriffen) und die Dichtkunst. Er   sagt, daß nicht edle Einfalt und stille Größe das erste und richtungsweisende Prinzip der bildenden Künste bei den alten Griechen war, sondern die Schönheit.
Um die Gesetze der Schönheit nicht zu verletzen, ließen die rhodische Künstler nach Lessing Laokoon nicht schreien, obgleich Schreien der natürliche Ausdruck des körperlichen Schmerzes ist.
Lessing schreibt: „Eine vorübergehende Erscheinung, wie das Schreien des Laokoon, wirkt in der bildenden Kunst-festgehalten d.h. fixiert-widernatürlich.
Die Betrachtung dieses fixierten Schreiens wirkt bei mehrmaligen Betrachten schwächer und schwächer, um schließlich nur noch Grauen und Ekel vor dem Bilde beim Betrachter zu erwecken. Der Betrachter würde die gräßlich entstellten Züge des Laokoon auf den Charakter des Priesters beziehen und zu falschen Schlüssen kommen!“
„Die bloße weite Öffnung des Mundes...ist in der Malerei ein Fleck und in der Bildhauerei eine Vertiefung, welche die widrigste Wirkung von der Welt tut..“

Lessing beweist an Beispielen der Dichtkunst (“Aeneis“ des Vergil) daß der Dichter seine Personen schreien lassen darf:
„Gräßlich ertönt sein Jammergeschrei zu den Sternen,
gleich dem Gebrüll des Stiers,
der am Altar verwundet flieht
und vom Nacken das Beil,
das schwankend geführt, sich schüttelt.“
Hier in der Dichtung, darf er schreien ohne daß der Schönheitssinn des Lesers
verletzt wird. Noch etwas anderes kommt hinzu. Der Dichter schildert eine gesamte Handlung, der bildende Künstler kann nur einen Punkt darstellen.
Der bildende Künstler muß den Punkt so wählen, daß er der Einbildungskraft des Betrachters freies Spiel läßt.
Er muß das Vorausgegangene und das Kommende der Handlung, den „furchtbaren Augenblick“ - den Höhepunkt - richtig wählen: Das ist das Seufzen, die Einbildungskraft des Betrachters kann ihn Schreien hören.
Der Augenblick muß kurz vor oder kurz nach dem Höhepunkt der Handlung liegen. Noch einen anderen Aspekt stellt Lessing heraus: In der Skulptur werden die Gestraften nackt dargestellt und in der Dichtung sind sie bekleidet beschrieben.

Wie Johann Joachim Winckelmann hält Wilhelm Heinse den Laokoon, Apollo, den Torso und Antinous für die Gipfelleistungen der klassischen Kunst, folgt bei der Beurteilung dieser antiken Plastiken den physiognomischen Beschreibungen Winckelmann, doch an die Stelle des hymnisch feiernden Stils setzt er eine eigenwillige, ich bezogene, unmittelbar gegenwärtige Betrachtungsweise.

Während bei Winckelmann die abstrakte körperliche Schönheit, gleichbedeutend mit absoluter Ruhe, vor dem seelischen Ausdruck dominierte, wies Heinse dem Sinnlichen, den seelischen Prozessen, den dynamischen Aktionen und Bewegungen Priorität vor dem Abstrakten des Körpers zu. Bei Heinse wird Laokoon zum „Bürger“ und „Rebellen“.
„Es leidet ein mächtiger Feind und Rebell der Gesellschaft und der Götter, und man schaudert mit einem frohen Weh bei dem fürchterlichen Untergang des herrlichen Verbrechers“.
Auch beginnt Heinse bereits zu ahnen, daß Laokoon keine klassisches, sondern ein späthellenistisches Kunstwerk ist. So kehrt Ernüchterung bei ihm ein. Im Tagebuch notiert er: „Ich weiß nicht, ob die Gruppe Laokoons wirklich so schön ist, als man sie macht; mir kömmt sie immer, je mehr ich sie betrachte, gekünstelt vor und wie eine Tanzmeisterstellung... damit er einen Stil hat, so muß der Papa auf dem Altar sitzen.“
Das ist natürlich starker Tobak im Hinblick auf die Winckelmannche„Einfalt und stille Größe“und das Lessingsche Prinzip vom Primat der „Schönheit“.
„Aus der mythologischen Kunst der Antike und der religiösen Kunst der Renaissance beschwor Heinse das Weltlich-Dynamische, Kämpferisch-Rebellische, kraftvoll Heroische, Heidnische und Erotische.
Wie er in einer Raffaelschen Madonna das herrliche Weib sieht und in den Christus den nervig sonneverbrannten Kalabrier, so erlebt er in der antiken plastischen Gestalt das Wunder des nackten ursprünglichen Lebens selber“.

Abschließend die Legende Laokoons, wie sie im „Ardinghello“ steht:
“Laokoon“, erzählt dieser, „war ein Sohn des Akötes, Bruder des Anchises und Priester des Apollo. Da er wider dessen Willen heiratete und Kinder zeugte und ihn alsdann das Los traf, daß er dem Neptun am Gestade opfern sollte, sandte Apollo bei der Gelegenheit von Tenedos her durch die Fluten des Meeres zwei Drachen, damit sie seine Söhne Antpahs und Thymbräos umbrächten. Laokoon wollten denselben Hilfe leisten, wurde aber selbst umflochten und getötet. Welches die Phygier deswegen geschehen zu sein glaubten, weil er einen Spieß in das Trojanische Pferd warf“.
"Servius gibt jedoch die bessere Erklärung und sagt, es sei deswegen geschehen,
weil er seine Frau aus Unenthaltsamkeit im Tempel des Apollo beschlafen habe".

Apollo galt bei den Griechen als Beschützer der Künste und Musenanführer, als Sühne-und Heilgottheit und vor allem als Herr des Delphinischen Orakels hatte Apollo große Bedeutung für das religiöse Leben der Griechen.


Literatur:
Heinse, W.: Ardinghello. Leipzig 1973. Nachwort v. K. Hammer
Zinserling, G.: Abriß der griech. u. röm. Kunst,  Leipzig.1988
 

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