Wilhelm Heinse und die glückseligen Inseln -

                  die Insel - Utopie in Heinses Werken

             Vortrag von Horst-Jürgen Schadwinkel am 29. Sept. im 2006 im Heinse-Haus Langewiesen

             Die Überschrift meines Vortrages besteht aus zwei Teilen.

Der erste Teil, Wilhelm Heinse und die glückseligen Inseln soll seine Erklärung im 2.Teil des Vortrages finden.

Es fällt natürlich sofort auf, dass ich an die Stelle der Titelfigur Ardinghello in Heinses Roman "Ardinghello und  die glückseeligen Inseln" den Namen seines Autors Wilhelm Heinse gesetzt habe.

Heinse stellt im Ardinghello einen italienischen Renaissance - Menschen des 16. Jh. dar, einen jungen Florentiner Adligen  und Maler, geistvoll und mutig, allseitig künstlerisch begabt mit außerordentlichen Mut, überschäumenden Tatendrang und vielseitigem Künstlertum, ein Philosoph, ein Individualist außerhalb jeder einschränkenden (christlichen) Moral.

Ardinghello bemerkt über sich selbst:

"All mein Wesen ist Genuß und Wirksamkeit; heiter der Kopf, immer voll heller Gedanken, reizender Bilder und bezaubernder Aussichten, und das Herz schlägt mir wie einer jungen Bacchantin im ersten ganz freien Liebestaumel".

Hierin spiegeln sich  Heinses Lebensansichten, seine Gefühle und  seine Denkweise wider, eine Geisteshaltung, wie wir sie im Streben nach einem Menschenbild dem "uomo universalis" der Renaissance und später in der geistigen und literarischen  Bewegung des „Sturm und Drang“ im 18. Jh. wieder finden.

Der Roman endet bekanntlich mit der utopischen Gründung einer Republik von Gleichgesinnten auf den glückseligen Inseln  Paros und Naxos

In den AUFZEICHNUNGEN Band II, den Texten 2,  1784-1803, im Notizheft N 24 notiert Heinse:

" Naxos ist eine der glückseeligsten Inseln des Archipelagos. Die Alten nannten sie das kleine Sizilien. Nur kann kein Schiff hier anlanden, bloß kleine Nachen, ab dies sichert sie vor Überfällen. Das Innere der Inseln ist bezaubernd,…. Menge Vieh und Wildpret. Korn, Oel, Feigen und Wein sind immer hier in Überfluß. Man sammelt auch Seide…

Bacchus wurde hier am mehrsten verehrt. Sein Dienst kam aus Egypten, wo er unter Osiris p  Cadmus  führte ihn ins griech.  ein….

Die Bacchanalien nahmen bald in ganz Griechenland überhand. Zuerst feierten  allein die Weiber; hernach wurden sie bloß Versammlung der Ausschweifung, und die Eingeweihten überließen sich der rasenden Wollust. Aus Jährlichen wurden sie Große, kleine, alte, neue, Frühlings- u. Herbstbacchanalien.“

Wie erklärt sich Max L. Baeumer Heinses Traum von den Inseln Paros und Naxos?:

"Paros und  Naxos, das im Altertum die "Dionysische" hieß und von der Dionysos (griech. Wein- und Fruchtbarkeitsgott) seine Geliebte Ariadne in den Himmel führte, sind die glückseligen Inseln, auf denen Heinse sich seinen Idealstaat in Form einer italienisch – griechische Kolonie denkt, angelegt von ausgewählten jungen Menschen, meistens Künstlern, die einen tapfreren, festen Charakter und einen bestimmten  Grad von Schwärmerei zeigen müssen und mit ihren bisherigen Lebensbedingungen unzufrieden sind. Sie nennen sich "Todesleugner" und bekennen sich zu einer Religion, in der die Natur ein ewiger Quell von Leben und die Freude die Triebkraft alles Daseins ist. Hier lebt das alte Athen des Perikles "wirklich und verklärt" wieder auf. Rauschhafte Schwärmerei, Ablehnung der zeitgenössischen  Gesellschaft und des Christentums, ästhetische Verklärung eines lustvollen Lebens und Wiedererweckung einer für griechisch erachteten Naturreligion und mit anderen Worten die dionysischen (wildbegeistert, rauschhaft dem Leben hingegeben – nach Nietzsche) Kennzeichen der ausgewählten Bewohner von  Heinses Utopia".  

Heinse hatte während seines 3-jährigen Italienaufenthaltes die Absicht gehabt, Griechenland, die griechische Inselwelt und Sizilien aufzusuchen.  

Doch schon nach einem Jahr in Rom war  von seinen ursprünglichen Reiseplänen nicht mehr die Rede.                                Eine gewisse Ängstlichkeit vor den Gefahren der Reise und Geldmangel hinderten ihn daran.  

In ihrem biographischen Essay  Wilhelm  Heinses Tagebuch einer Reise nach Italien schreibt Almut Hüfler:  

"Bei Heinse, sonst voller Abenteuerlust, ist diese Ängstlichkeit erstaunlich; es ließe sich fragen, ob er nicht auch zu den vielen Griechenlandverehrern gehört, die sich scheuen, ihr Idealbild mit der Wirklichkeit zu konfrontieren.  

Die "glückseeligen Inseln des Archipelagus“ bleiben ihm jedenfalls als seliger Wunschtraum und Sehnsuchtsland erhalten, sie können weiterhin Idealzustand sein. Was er dort verwirklicht vermutet, nämlich eine Existenz der  Menschen in „nackter Natürlichkeit", wo den "großen Menschen" keine gesetzlichen Schranken und moralischen Fesseln beengen, das kann er jetzt auch in der Blütezeit der italienischen Malerei entdecken…"  

Im Hochgefühl seines jungen Lebens, in Rom weilen zu können, schreibt er in einem Brief an Friedrich Heinrich Jacobi  

"Mein Lebenskahn schwimmt jetzt zwischen paradiesischen Inseln"  

Im Gefühl der Vorwegnahme des Paradieses sieht er sich, aus allen Schlingen und Banden, allen Dissonanzen dieser Zeitlichkeit in die ewige Harmonie und Klarheit aufgelöst zu werden.

Das dionysische Gefühl der Auflösung der Persönlichkeit in die Ewigkeit des Alls verschmilzt bei Heinse oft mit der Vorstellung  des utopischen Paradieses, um so mehr als bei ihm die höchste Glückseligkeit nicht in einem christlichen Jenseits oder überirdischen Himmel besteht, sondern in sinnlich irdischer Lusterfahrung und in einer seligen Auflösung in die zwar ewige, aber doch diesseitige Welt und Natur.  

Max L. Baeumer bemerkt, daß für Heinse der irdische Himmel in Rom ist wie ein Leben auf den glückseligen Inseln, aber dennoch hat dieser Himmel nicht die ewige Heiterkeit des wahren Paradieses. Deshalb  wünscht sich Heinse , wie ein Vogel nach Griechenland und Georgien (südlich des Kaukasus) zu schweben, und stellt sich begeistert vor, was für ein Leben das sein muß, befreit von dem trägen Erdenkörper, von Sphäre zu Sphäre unter verliebten Sonnen zu wandeln und alle Natur und Harmonie des Weltalls zu fühlen.  

Und weiter heißt es:                                                 

Wie Heinse sich die Verwirklichung seiner dionysischen (rauschhaft dem Leben hingegeben, wildbegeistert – nach Nietzsche) Sehnsucht auf den Inseln des Archipelagus vorstellt, so geht sein ganzes Sinnen und Trachten von Anfang darauf hin, selbst zum Ziel seiner brennenden Wünsche und lebhaften Vorstellungen zu gelangen. Walther Brecht hat die wichtigsten Äußerungen der Sehnsucht Heinses nach dem Archipelagus, die sich auf die ganze Zeit seines Lebens erstrecken, im "kritischen Anhang" zum Ardinghello  zusammengestellt.  

Carl Schüddekopf , Herausgeber der 10-bändigen Gesamtausgabe der Werke Heinses (1902-1925) erwähnt einen  Brief, den Heinse als Erfurter Student schon am 31. August 1771 (25-jährig) an seinen Gönner Gleim schrieb. Darin heißt es:  

"Vielleicht kann ich  mich auf meiner Reise zu einer Colonie gesellen, die ein schönes Land in einem glückseligen Klima aufsuchen will! es mit ihr finden, die Natur in ihm verschönern, es zu einem  alten Tempel der Grazien machen, und hier leben und sterben".  

Zehn Jahre später, am 26. Januar 1781 schreibt er aus Venedig an Friedrich Heinrich Jacobi, in seinem Herzen sei es fest beschlossen, dass er nach Griechenland und Kleinasien reise, wenn nicht eine Seuche oder das Schicksal vorher seine Jugend morde. In tiefer Sehnsucht heißt es:

 „Paradies der Welt, Archipelagus, Morea, Katien und Jonien, o dass ich würdig werde, Euer ganz zu genießen!“.

Da er selbst nicht die Mittel hat, in das Land seiner Träume zu gelangen, lässt Heinse sein Ebenbild Ardinghello nach Griechenland reisen und ihn die utopische Seligkeit auf den Inseln des Archipelagus genießen. In den glückseligen Inseln sieht Heinse das Urbild der Kunst und alles Lebendigen unter den idealsten Voraussetzungen. Hier lebt der Mensch nackt und schön im Naturzustand:

O wie verlangt mein Herz

Jene glückseligen Inseln und das feste Land auf beyden Seiten

noch heut zu Tag zu sehen,

und wie das heitre milde Klima

noch jetzt dort das Lebendige bildet!                                                          

Ach wir sind seit von der Natur abgewichen,                                               

und von der wahren Kunst zurück,

dass wir fast insgesammt  einen bekleideten Menschen

für schöner halten, als einen nackten!

O wie will ich mich freuen,

wenn ich einmal unter Menschen komme,

die nackend gehen und wo ich nackend gehen kann.

An dieser Stelle einige Anmerkungen zur Herkunft des Wortes Insel-Utopie. Ernst Bloch schreibt in seinem Buch Freiheit und Ordnung, Abriß der Sozialutopien:  

1516 erschien die Schrift des englischen Kanzlers Thomas Morus De optimo rei publicae statu sive de nova insula Utopia ( Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia). Zum ersten Mal seit langem wird hier der Traum vom besten Staat wieder als eine Art Schiffermärchen vorgetragen. U-topia, Nirgend-wo, heißt die Insel des Thomas Morus,  mit einem feinen, leicht melancholischen, aber scharfen Titel. Das nirgendwo ist als postulativ gedacht für das Wo, in dem sich Menschen wirklich befinden.  Unser Ehrenmitglied Prof. Baeumer beschäftigte sich Anfang der 60-iger Jahre des vorigen Jh. mit der Insel-Utopie in den Werken Wilhelm Heinses. Schon vor ihm verglich der bedeutende Heinseforscher Walther Brecht in seinem Buch Heinse und der ästhetische Immoralismus  (Berlin 1911) die Vorstellung Heinses  vom utopischen Idealstaat am Ende seines Romans Ardinghello und die glückseeligen Inseln mit anderen Staatsutopien. Dies tat er vorwiegend  von einer sozialpoltischem Grundposition aus,  unter dem Gesichtspunkt sozial-kommunistischen Grundformen staatspolitischer Utopien.

Spätere Heinseforscher wiesen darauf  hin, doch von der individuell – ästhetischen Lebensanschauung Heinses auszugehen, deren charakteristische Grundzüge  sich im das Idealbild  des unumschränkten Herrenmenschen im Titelhelden Ardinghello widerspiegeln.  

Max L. Baeumer kommt bei seinen Untersuchungen zu der Erkenntnis, es müsse die  ästhetische–individualistische Lebensauffassung  Heinses eine tragende Rolle spielen. Und  er  schlussfolgerte:                                                

Heinses Insel - Utopie im Ardinghello ist keine sozial-kommunistische, sondern mehr eine ästhetisch-aristokratische Utopie, eine Utopie, die sich an eine besondere Gruppe irgendwie herausgehobener  Menschen richtet. Sie ist nicht darauf gerichtet, für eine ganze Gesellschaft sozialen Wohlstand zu erreichen, sondern ihr Ziel ist die höchste Glückseligkeit des einzelnen Menschen.

Max Baeumer stellt fest, dass Heinses Utopie keinen eigentlichen Wirklichkeitscharakter  und damit auch keine politisch lehrhafte Absicht verfolgt.  

Das utopische Paradies wird mit Vorliebe auf eine ferne Insel verlegt, wie beispielsweise in Platos Erzählung von der Insel Atlantis oder Thomas Morus seine Utopia. Schon  Jambulos (2. Jh. v. u. Z. schrieb eine Märchenutopie verkleidet als Reisebericht, siehe Anlage) hatte seine Staatsutopie ähnlich wie Heinse seine Wiedererzählung der Tassoschen Geschichte von Armida und Rinaldo, auf die sieben Inseln unter den Äquator verlegt, wo tropische Fülle und ewige Fruchtbarkeit herrschen.  

Max Baeumer bezieht sich an anderer Stelle auf  M. SPANN und dessen Der Exotismus in Fedinand Freiliggraths Gedichten (Dortmund 1928). Darin nennt Spann Wesenszüge Heinses wie seine utopische Vorstellung eines exotischen Paradieses mit wollüstig traumhaft übersteigerten Lustgefühlen, die Ablehnung der zeitgenössischen Gesellschaft und seiner Etablierung eines aristokratischen Herrenmenschentums, die ihn zum ersten deutschen Exotisten machen. Sein utopischer Exotismus äußert sich in der Vorstellung von exotischen Inseln, auf denen die Menschen in einem rousseauischen, glücklichen Naturzustand leben.

Von seinem Freund Georg Forster war Heinse bekannt, dass dessen Vater Johann Reinhold Forster mit James Cook 1772 die französischen Gesellschaftsinseln Otaheiti im Stillen Ozean entdeckte. Mit diesen Inseln verbindet Heinse besonders die Vorstellung eines exotischen Naturparadieses. Von den Frauen von Mytilene und den anderen Städten auf Lesbos behauptet er, dass sie wie Kinder der Natur, beinahe wie die Mädchen von „Otaiti“ leben. Jeder Mensch folgt seinem Naturtrieb wie einer Magnetnadel. Jener segelt ins Morgenland, und dieser tauscht seine eisernen Nägel mit den Mädchen zu „Otaheiti“.                                  

Max Baeumer, auf den ich mich vorwiegend beziehe, schreibt hierzu:  

"Den Einwohnern der neu entdeckten Inseln von Tahiti dichtete man in der damaligen Zeit einen naiv-naturidyllischen Charakter im Sinne Rousseaus an … Es ist aufschlussreich festzustellen, dass der Ardinghello von Heinses Zeitgenossen zum Teil als eine rousseauisch-utopische Verherrlichung des großartigen Menschen aufgefaßt wurde

An anderer Stelle schreibt M. Baeumer:  

" Im übertragenem Sinn bedeutet Heinse jede höchste berauschende Lust ein Leben auf den glückseligen Inseln, besonders die glücklichen Zeiten der Liebe".  

Seinen Abschiedsbrief an Frau von Massow beschließt er mit dem Bekenntnis, dass er sich mit ihr auf den glückseligen  Inseln des Ariost  befunden habe. Das Liebesleben von Armida und Rinaldo wird mit der Entdeckung der glückseligen Inseln verglichen. Als Ardinghello in Liebe zu Fiordimona entbrennt, sieht er die Inseln der Glückseligkeit vor sich mit vor Verlangen kochendem Herzen nach ihrer (der Inseln) Lust.

Carl Schüddekopf weist in der Einleitung zu Heinses Werken darauf  hin, dass der Traum von einer glückseligen Insel immer wieder in  immer neuen Formen bei Heinse auftaucht.  

In den  Musikalischen Dialogen, der ersten Ausgabe seiner Jugendschrift, erschienen nach seinem Tode 1805, (geschrieben 1771, nach Heinses eigenen Worten binnen  8 Wochen in den erbärmlichsten Umständen, wie ein Gefangner bei Wasser und Brot, von wahrer Kanaille umgeben) in denen sich die wesentlichsten Züge seiner eigenen Jugend widerspiegeln, lässt Heinse den Studenten Waldmann erzählen, der als eingesperrter Schüler davon träumt, dass er nach Ost- und Westindien reist, sich ein schönes Mädchen holt und in Erinnerung an die Taten der großen Feldherrren Alexander und Hannibal einen Idealstaat nach seiner eigenen Tapferkeit und Weisheit entwirft.. Das Ziel seines utopischen Idealstaates formuliert er hier so:  

"Die Glückseligkeit, welche die mehrsten Griechen für die wahre hielten, bestand in einem weisen Genuss der Wollüste".                                                 

Bei Waldmann alias Heinse liest sich das im Original so:  

"Wenn ich nach Hause komme, so fang’ ich an auf meinem Claviere zu spielen und lese Tausend und eine Nacht, Thomas Jones, Amalia, Reisebeschreibungen, und zur Abwechlung lateinische Poeten, wie sie mir vor die Hand kommen, samt den Schriften des Cicero, Petrons und Apulejus. Nun will mir für die Woche zwei Tage rechnen, wo ich keine Lust zu lesen habe, was soll ich hier thun? Ich setze mich hin, und reise nach Ost- und Westindien, hole Geld, und reise wieder nach Deutschland, kaufe mir das schönste Landgut in der Schweiz, und dann reise ich in der halben Welt herum, wohl endlich gar nach Persien und Circaßien und hole mir ein Mädchen, so schön, dass ich kein Fleckchen, und wär’ es  nur einen Pfennig groß, an ihrem ganzen Leibe ansehen kann, ohne entzückt zu werden. Dieses  bring’ ich auf mein Landgut, und sehe es alle Morgen von oben bis unten an. Ein herrliches Recipe wider alle schlimmen Launen auf den ganzen Tag! Ich gehe mit ihm auf die Jagd, ich spiele das Clavier zu ihrer Sirenenstimme, und tanze und spiele mit den auserlesentsten Freunden. So sitz’ ich wohl Stunden lang auf einem Fleckchen und guck’ an meine Wand hinauf und – sehe sie nicht, und wenn ich sie sehe, so spring ich nach meinem Stocke und schlage Löcher hinein, dass sie mich in meinem wollüstigen Träume verstört hat. Dann nehm’ ich mein Halstuch und binde mir die Augen zu und fange wieder an mich in meine vorige Lage zu denken. Allein mehrenteils ist mir nicht möglich. Nun fang’ ich an ein neues Projekt zu machen, und zwar ein schwereres, weil mir das vorige so leicht gemacht war, dass ich nicht lange davon träumen konnte."  

Andere anderer Stelle lässt Heinse Waldmann sagen:  

"Wie war aber die Auferziehung bei den Nationen, die glückselig lebten? Bei welchen wenigstens die mehrsten ihrer Bürger glückselig lebten? – Die Auferziehung besteht also in weiter nichts, als die Jugend zu lehren, wie sie glückselig leben soll. Man muß ihr also lehren, was Glückseligkeit ist, und welche Mittel man dazu anwenden muß, sie zu erlangen, und welche Hindernisse aus dem Wege müssen geräumt werden. Die Mittel zu erhalten sind sehr verschieden bei manchen Nationen, und also muß  auch die Auferziehung verschieden seyn….. die Glückseligkeit, welche die mehrsten Griechen für die wahre hielten, bestand in einem weisen Genuß der Wollüste. Das ist die irdische Glückseligkeit, deren Grundpfeiler die Tugend ist. Nur wenige bei ihnen hatten so angebrannte, so schief verrückte Köpfe, daß sie den Genuß der Trübsalen für die wahre Glückseligkeit hätten halten sollen. Ihre Staatsform war so eingerichtet, dass den weisen Genuß der Wollust jeder Bürger haben konnte, wie er wollte. Wenn man Wollust genießen will, so muß man ein ruhiges Gemüth haben. Die Furcht vor künftigen Qualen muß nicht in der Seele, wie ein Schwären am Leibe sitzen. Diese Furcht muß wie Unkraut ausgerottet werden. Dieses erreichten sie dadurch, in dem sie ihren Kindern die Grundsätze der Religion beibrachten…"                               

Max Baeumer bringt Heinses utopische Vorstellungen auf den Punkt:                                                  

"Stille der schönsten Frühlingsgegend  Elysiums in unsere Seele. Musik, schöne Künste und Wissenschaften, sowie Religion – aber ausdrücklich ohne Theologie – sind die beständigen Quellen der paradiesischen Wollust." Schon in den Jugendträumen Heinses zeigen sich die Grundzüge der utopischen Vorstellung, die er in seinem ganzen Leben beibehält:

Irgendwo in einem Lande exotischer Pracht und überfließender Fruchtbarkeit liegt ein auf Kraft und Tapferkeit aufgebauter aristokratischer Idealstaat glückseligen, uneingeschränkten Genusses von Liebe und Schönheit…" In Heinses erstem Roman Laidion oder die Eleusinische Geheimnisse von 1774 entwirft  Heinse ein paradiesisches Bild des sinnlich – seligen Liebesgenusses in einem irdisch – himmlischen Elysium (in der griech. Sagenwelt: Land der Seligen in der Unterwelt) das uns in seinen unbe-greiflichen Schöhnheiten soviel Stoff zu entzückenden Träumen und Vermutungen gibt, dass wir das ganze  Sternenheer am Himmel und die elysäischen Fluren und glückseligen Inseln alle miteinander sehen.  

Eine kleine Abweichung vom Thema sei mir erlaubt, da sie mittelbar  Heinses Geburtsort  Langewiesen betrifft.  

Gert Theile schreibt in  WILHELM HEINSE UND SEINE BIBLIOTHEKEN:  

Der neuzeitliche Herausgeber, der die vermeintlich in der Renaissance übersetzten Aufzeichnungen der Lais dem Publikum verdeutscht, verortet seine "Übersetzung" in Langewiesen, an den Ufern der Ilm, dem Geburtsort Heinses, während der Renaissance-Übersetzer die himmlichen  Verse der Lais seiner schwermütigen Geliebten gewidmet hatte, damit diese aus ihren Reflexionen über Tod und Vergänglichkeit erwache.                                                   

Gert Theile schreibt an anderer Stelle:  

Heinse schafft auch für das das von Lais vorgetragene Plädoyer einen entsprechenden situativen Rahmen. Sie, welche den Menschen auf  Erden im Auftrag der Venus zu irdischer Glückseligkeit verholfen hatte, muß ihre Handlungen und Überzeugungen vor einer elysischen Jury verteidigen, deren sagenhafte antike Mitglieder (Orpheus, Solon u.a.) die verschiedenen Meinungen über induviduelle Glückseligkeit vortragen.  

In der Einführung zu seiner Übersetzung des Leben des Torquato Tasso beschreibt Heinse den Herzog, der nur wie ein Wurm das kennt, was er auf diese kleinen Kugelerde mit seinem halben Dutzend Sinnen finden und genießen kann. Diesem Menschen ist alles unbekannt, was das Leben des grossen Tasso verklärt, nämlich die höheren Freuden, die nur die schönen Seelen empfinden; diese Ahnungen zukünftiger Paradiese; die Ausflüge starker Geister in Welten, die dort oben in Räumen von Wonne sich drehen, die hinieden sich wiederfinden, sich erkennen und vereinigen.  

In seinem Beitrag Armida, oder Auszug aus dem befreyten Jerusalem des Tasso für die Zeitschrift Iris lässt Heinse die orientalische Zauberin Armida eine von den glückseligen Inseln ausserhalb der Grenzen der Welt im ungeheuren Ozean, wo nie oder selten ein Schiff von unseren Ufern landet, als Liebeswort für den geliebten Rinaldo und sich selber auswählen. Bei ihrer Fahrt über den weiten Ozean, wo die Flut die Grenze des Himmels ist, entdecken die beiden jene sieben Inseln, welche die Alten die glückseligen nannten. Ewiger Friede herrscht hier. Unveränderlich wehen frische, geruchreiche Lüfte in ewigem Frühling. Sie ist der Hafen der Welt, die Wonne des goldenen Zeitalters. Hier gibt es keine blutigen Waffen, nur Ritter der Liebe und Glückseligkeit.

Die Vorstellung von einem utopischen goldenen Zeitalter ist bei Heinse besonders lebendig. Der Mensch, der noch im ursprünglichen Naturzustand von der Jagd sich ernährt, ist der wahre Herr der Schöpfung und lebt im heroischen goldenen Alter der Menschheit. Wo die goldenen Zeiten von Athen seien, fragt sich Ardinghello. Diese Zeit wird für uns erst wiederkommen, wenn wir endlich alle Bande abstreifen und in unaussprechlicher Wonne, ohne Grausen vor den Schreckwörtern Tod und Zerstörung, Seligkeit genießen.  

Gert Theile hat in seiner Festansprache zum Thema „ Rebellion und Schweigen“ zum Heinse-Jahr am 14.6.2003 in der Liebfraeuenkirche Langewiesen folgendes gesagt:                                        

" Zu Recht ist von der Forschung festgestellt worden, dass das innere und äußere Leben Wilhelm Heinses mit zunehmenden Lebensalter immer beziehungsloser nebeneinander  verlaufen seien. „Ein Mann von großer Seele ist sich selbst genug“, steht in seinen Selbstzeugnissen an exponierter Stelle. Sicher , auch dem aufmerksamen Leser seiner Schriften fällt wohl eher der Kunst und Literatur  revolutionierende Vorzug des Dichter als Heinses sozialer Rückzug auf – mehr die unerbittliche Konsequenz als die persönliche Tragik dieser Biographie. …

Heinse jedoch flüchtete sich nicht in den Wahnsinn, aber zunehmend ins ästhetische Exil, in die Abstraktion der Darstellung und in eine Art selbst gewählten Autismus. …

Wenn wir Heinses Lebens- und Arbeitsweise als Zeichen gefährdeter Individualität lesen, so sind wir auch hier einem typischen Schicksal der Epoche begegnet- einem innerlich Exilierten, der seine glückseligen Inseln vor allen im Ästhetischen gefunden hat."    

Nun möchte ich auf  Heinses Traum vom großen Leben im Ardinghello und die glückseligen Inseln näher eingehen.                                    

Der Roman entstand bruchstückhaft auf  Heinses italienischer Reise (1780- 1783) und wurde fragmentarisch in Boies Zeitschrift Deutsches Museum vorab veröffentlicht.

 Wie schon gesagt,  entwirft Heinse, ich beziehe mich auf Marcus Bernauer,  mit der Gestalt des Helden Ardinghello das Bild des uomo universale im Renaissancezeitalter. Ardinghello ist Gründer des utopischen Inselstaates.  

"doch Ardinghellos ungezügelter Charakter hat noch eine andere Seite:

vor dem Hintergrund der Melancholie der Renaissance-Menschen. Über den als endgültig begriffenen Verlust der Antike erscheinen ein von Ardinghello und seinen römischen Freunden veranstaltetes Künstlerbacchanal wie auch die Gründung des Inselstaates nur als sentimentale Utopie definierbar, da sie lediglich rückwärtsgewandte Zitate der antiken Vergangenheit sind".  

Almut Hüfler  geht da noch einen Schritt weiter, in dem sie  das eigentliche Verdienst Heinses herausstellt:  

Aus dem "uomo universale", dem alle Lebensbereiche umgreifenden Künstler, wird nun das Ideal des „Kernmenschen“, und Heinse wird zum eigentlichen Entdecker dessen, was erst ein Jahrhundert später als die Epoche der Renaissance benannt werden sollte: einer Zeit des kraftvollen, immoralistischen und ästhetizistischen Lebensgefühls ."  

Ich möchte nun auf die Handlung des Romans eingehen und mich dabei auf die Kurzfassung des Vortrages von Max Baeumer die INSEL-UTOPIE IN WERKEN WILHELM HEINSES, den er 1964  anlässlich eines Symposiums an der Syracus Universität, Syracuse, N.Y., USA. gehalten hat, beziehen:  

"Für die Verfassung seines Inselstaates auf den glückseligen Inseln beruft sich Heinse zum Teil auf Platos Staat, für den er sich im 23. Kapitel seiner Laidion interessierte.

So sollen die Weiber und Männer gemeinschaftlich sein und voneinander abgesondert wohnen. Wie die Männer können auch die Frauen wie Amazonen für sich auf Seeraub ausfahren.

Die Liebe ist hier frei, und die Kinder gehören dem Staat. Oberste Grundsätze sind: Genuß aus Kraft, Recht aus Naturbedürfnis. Aus beiden folgert der Krieg als Naturnotwendigkeit. Der Starke und Tapfere hat wegen seiner grösseren Bedürfnisse auch mehr Recht. Krieg treibt den Menschen zur Vollkommenheit und erweckt höheres Leben. Sterben ist nur scheinbares Aufhören. An drei verschiedenen Stellen wird hier die Bedeutung des Todes als eines Übels, welches das Leben beendet, geleugnet. Der Genuss der Glückseligkeit des Lebens muß ewig sein, wie das Leben selbst.

Und weiter heißt es::

Alle genossen die Wonne dieses Lebens in blühender Jugend und reifer Schönheit. Schönheit und Begeisterung gelten auch für den geheimnisvollen heiligen Dienst der neuen Naturreligion. Heilige Gewänder von alter ionischer Schönheit werden entworfen. Aus dem Hohen Lied, aus Homer, Plato, den Chören der tragischen Dichter und aus ihrer eigenen italienischen Begeisterung schaffen die Kolonisten neue liturgische Gesänge..

So werden in dieser Religion Aug und Ohr, und zusammen mit den starken Bildern  aus der wirklichen Natur der ganze Mensch in gewaltiger Feier ergriffen, dass alle Nerven harmonisch dröhnen wie Saiten von Meistern auf wohlklingenden Instrumenten gespielt. Und alles wandelt in lauter Leben. Der ekstatische Rausch höchster Begeisterung ist der Höhepunkt des paradiesischen Lebens auf den glückseligen Inseln. Für den dionysischen Charakter des Ardinghello spricht auch die Tatsache, dass die beiden Höhepunkte des Romans, das römische Künstlerbacchanal und der naturmystische Gottesdienst auf den glückseligen griechischen Inseln, Szenen dionysischer Massenbegeisterung darstellen. Wie der erste Teil des Romans nach dem Bacchanal unvermittelt abbricht, so ist auch das beschliessende Inselparadies nicht von ewiger Dauer und dem Schicksal unterworfen: 

"Doch vereitelte diess nach seeligem Zeitraum das unerbittliche Schicksal". Im Bild der Utopie endet Heinse die schriftstellerische Darstellung seiner dionysischen Lebensanschauung aus kraftgenialer Renaissancevorstellung und rousseauisch-naturmystischer Griechenverherrlichung. Wenn wir die Fortführung dieser Lebensauffassung  in seinen Tagebüchern betrachten, müssen wir feststellen, dass Heinse zeitlebens an dieser dionysischen Utopie als einer geheimen Religion festhielt.  

Wie bereits gesagt, haben Heinses Utopien  keinen eigentlichen Wirklichkeitscharakter und somit auch keine lehrhaft politische Absicht. Doch Heinses Grundposition zum Leben und zur menschlichen Glückseligkeit  war, wie es  vielen seiner Tagebuchaufzeichnungen nachzulesen ist, durchaus wirklichkeitsnah; er war sich bewusst, dass die auf ihn lastenden gesellschaftlichen Konventionen  und die persönliche Abhängigkeit von seinen Geldgebern ihn fest im Griff hatten. Seine kindlichen  Phantasien und   wirklichkeitsfremden Träume  seit seiner Jugend bedeuten für Heinse die wahren Paradiese seiner menschlichen und künstlerischen Existenz. Sie lassen sich in seinen Tagebuchaufzeichnungen (Notizheft Nr. 27) nachlesen:  

Der Grundtrieb beym Menschen ist gewisse Freude, Lust oder süßes Gefühl. Die Art aber es zu erreichen, ist verschieden. Macht Gewalt oder Kraft, Schönheit zu genießen, geht allem anderen voran.

Dann kömmt Weisheit, oder Erfahrung mit Überlegung. Immer das Höchste zu finden, und sicher im Besitz zu erhalten. Liebe endlich ist der Genuß selbst, der allezeit mit Schöpfung verbunden sein muß, wenn er der höchste sein soll. Alles dreyes beysammen gehört zur Vollkommenheit des Menschen; schier wie Zeichnung, Kolorit und Licht und Schatten zu einem vollkommnen Gemälde .

Gute Tafel, schöne Weiber und Gegend, gute Gesellschaft, Künste und Wissenschaften bey Sicherheit von innen  und außen, darin [liegt] das Glück des Menschen.  

Seine Lebensphilosophie und sein Lebensprogramm, zu denen Heinse sich bis zum Tode in seinen Tagebüchern bekennt, hat er  Fiordimona, der emanzipierten Frauengestalt, im Ardinghello, in den Mund gelegt (sie geniest sie im Geheimen, ausschweifend und zügellos):  

Jedes muß sich selbst am besten der Kräfte zu seiner Glückseligkeit bedienen, womit es auf diese Welt ausgesteuert worden ist, und  der Lage und  Sphäre, wohin es bei seiner Geburt gesetzt wurde. Dieß hebt den Menschen über den Menschen; und es macht einen weit größeren Unterschied zwischen  den Graden ihres Genusses, als zum Exemple zwischen den verschiedenen Weinen und ihren Geschmack ist, wo man nicht glauben sollte, dass sie alle von derselben Rebe herkämen.

Dass man sich  selbst am besten der Kräfte zu seiner Glückseligkeit bedienen kann, oder jeden Tag  wenigsten einmal versuchen sollte, es zu tun, konnte ich  in diesem Jahr im Februar  bei einem Besuch der Kanarischen Inseln erfahren. Beim Studium der Lektüre über die Blumenwelt der Kanaren las ich, dass erstmals von Plinius dem Älteren (gest. 79 n. Chr.)  von einer Expedition zu den Isole Fortunate - den glücklichen Inseln -  berichtet wurde, die zu Zeiten des römischen Kaisers Augustus  (geb. 63 v. Chr., gest. 14 n. Chr.) stattfand. Auf dem im Atlantik in Höhe Westafrikas gelegenen Archipel  scheint 300 Tage die Sonne, das ganze Jahr herrschen Temperaturen um die 20 Grad. Klima und Boden haben eine Flora und Fauna hervorgebracht, die auf der Welt einmalig ist. Tagsüber kann man in die Naturschönheiten in und außerhalb der Nationalparks bestaunen, die Angebote der Urlaubsparadiese annehmen oder auch nicht und  den Abend in guter Gesellschaft an einem reichlich gedeckten Tisch mit schweren  Tinto rosso, berieselt mit Klängen  feuriger Folkloremusik  erleben. Mein Besuch der Insel Teneriffa fiel in die Zeit des Karnevals. Den Besucher erwarten  leidenschaftsvolle, ausgelassene und glückbeschwingte Tage abseits des grauen Alltags. Schöne heißblütige Spanierinnen, festlich geschmückte Festwagen  und nicht endend wollender Trommelwirbel  im Takte und Rhythmus von Samba, Salsa und Rumba. Sind es auch nicht Wilhelm Heinses glückselige Inseln  der griechischen Ägäis, so können doch Besucher  unserer Breiten auch auf den glücklichen Inseln, den Kanaren, im Banne des  ewigen Frühlings glückliche, ja vielleicht auch glückselige Augenblicke  ihres Seins erleben.

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