Zum 257. Geburtstag Johann Jacob Wilhelm Heinses

                (Worte des Gedenkens im Heinse-Park Langewiesen)

Der 15. Februar 2003 ist ein besonderer Tag; mit ihm beginnt in drei eng mit Heinses Leben verbundenen Städten Aschaffenburg, Langewiesen und Mainz eine Reihe von zahlreichen Aktivitäten, Veranstaltungen, Ausstellungen, Kolloquien etc.
Im Jahr 2003 jährt sich zum 200. Mal der Todestag Wilhelm Heinses.

Anläßlich des 250. Geburtstages Heinses fand am 15. Februar 1996 eine Festveranstaltung im Rathaussaal der Stadt Langewiesen statt.Erinnert sei an die Festrede des damaligen Pfarrers Klaus-Dieter Böhme und die Musikgruppe „Erfurter Camerada“, die Tafelmusik aus der Zeit des 18. Jahrhunderts spielte.

Am 15. Februar 2003 wird uns im Rathaussaal Langewiesen Wilhelm Heinse als Musikkenner der italienischen Oper vorgestellt. Gabriele Hierdeis (Sopran), Thorsten Larbig (Klavier), Martin Neubauer (Rezitation) und Christoph Schwandt (Moderation) werden uns Heinses zweiten großen Roman „Hildegard von Hohenthal“ in Wort und Musik „vor Ohren zaubern“. Für Heinse war die bloße Vokalmusik ohne Instrumente das Vollkommene wie es für ihn das „Nackende in der Kunst“ war.
Der Bogen der Heinse-Ehrungen spannt sich vom wissenschaftlichen Heinse-Kolloquium der Stiftung Weimarer Klassik im Mai 1996 unter dem Motto „Ein Mann von großer Seele...ist sich selbst genug“ hin bis zur Vortragsveranstaltung „Wilhelm Heinse – Philosoph und Künstler der Goethezeit“,
die im Juni 2003 im Heinse-Haus Langewiesen stattfinden wird.
Für die Stadt Langewiesen, den Heinse-Freundeskreis und alle Heinse-Freunde sind die koordinierten Aktivitäten der drei Städte Aschaffenburg, Langewiesen und Mainz sowie die Neuedition des Heinseschen Nachlasses (s.u.) Ausdruck dafür, daß Wilhelm Heinse zwei Jahrhunderte nach seinem Tod endlich den ihm gebührenden, rechtmäßigen Platz in der Literatur- und Kulturgeschichte gefunden hat.

Abschließend sei auf die im Heinse-Jahr 2003 bisher erschienenen und noch erscheinenden Publikationen hingewiesen:

-   Wilhelm Heinse: Sämtliche Tagebücher und Aufzeichnungen. Der Frankfurter Nachlass. Hrsg Markus Bernauer. Die Neuaus-
    gabe der Nachlasshefte in fünf Bänden ist ein literarisches und kulturgeschichtliches Zeugnis von
    europäischem Rang.
-  Kritisch kommentierte Neuausgabe Hildegard von Hohenthal und die Musikalischen Dialogen. Hrsg. Werner Keil.
-  Wilhelm Heinse: Tagebuch einer Reise nach Italien. Mit einem biographischen Essay von Almut Hüfler. Hrsg.
   ChristophSchwandt.

Heinsezitate

Reisen, die Erde und ihre Geschöpfe kennen lernen, ist die natürliche Bestimmung des Menschen: Stille sitzen und Phantasien schmieden, sein unnatürlicher Zustand.

Rheinfall bei Schaffhausen:

Die Natur zeigt sich in ihrer ganzen Größe. Die Allmacht ihrer Kräfte zieht donnernd die kochenden Fluten herab, und giebt den ungeheuren Wassermassen die Eile des Blitzes.

Es ist die allerhöchste Stärke, der wüthendste Sturm des größten Lebens, das menschliche Sinnen faßen können.
Der Mensch steht klein wie ein Nichts davor da, und kann nur bis ins Innerste gerührt den Aufruhr betrachten.
Selbst der Schlaffste muß des Wassergebürggetümmels nicht satt werden können.

Der Perlenstaub, der überall, wie von einem großen wüthenden Feuer herumdampft, und wie von einem Wibelwind herumgejagt wird und allen den großen Massen einen Schatten ertheilt, oder wie gewitterwolkigt macht, bildet ein so fürchterliches Ganzes mit dem Flug und Schuß und Drang, und An und Abprallen, und Wirbeln und Sieden und Schäumen in der Tiefe und dem Brausen und dem majestätischen Erdbebenartigen Krachen dazwischen, daß alle Tiziane, Rubense und Vernets vor der Natur müssen zu kleinen Kindern und lächerlichen Affen werden.
O Gott, welche Musik, welches Donnerbrausen, welch ein Sturm durch all mein Wesen! heilig! heilig! heilig! brüllt es in Mark und Gebein.

Schweiz- Sankt Gotthard :

Aus dem grauen Alterthume der Welt, aus den Ruinen der Schöpfung schreibe ich Ihnen, geliebter Vater Gleim, wogegen die Ruinen von Griechenland und Rom zerstörte Kartenhäuserchen kleiner Kinder, und nicht einmal das sind.

Bester Freund, hier ist wirklich das Ende der Welt. Der Gotthardt ist ein wahres Gebeinhaus der Natur. Statt der Todtenknochen liegen ungeheure Reyhen von öden Steingebürgen, und in den tiefen Thälern aufeinander gehäufte Felsentrümmer da.-
Die Mitternacht weicht von hinnen. Ich komme wieder draußen von der Kälte herein. Das Wollustauge des Himmels, der Morgenstern, blickt am Gebürge herauf. Schauer, wie ein Erdbeben, giengen durch mein Wesen. Ich trat auf und ab leicht wie in Wolken an den Seen, woraus der Ticino rieselt; und nach einem brausenden Wirbelwind, der mir mein losgegangnes Haar um den Kopf herumschlug, ward alles so still, bis auf das Geräusch ferner Katarakten, und mich wehte heilig leis in der Dunkelheit zwischen feuchten Felsen eine Stimme wie  von einem Geist an-

 "Was staunst du, Schüchterner, kleines Geschöpf! Auch hier war einmal ein Eden, schöner als Genf und Vevay in dem bezaubernden Thale, wo der wilde Rhodan von seinen Stürmen ausschnaubt und in süßem Schlummer heiter hin wallt; ...
Ich bin der Anfang und das Ende.
Erkenn in mir die Natur in ihrer unverhüllten Gestalt, zu hehr und mächtig und heilig, um von euch Kleinen zu Euren Bedürfnissen eingerichtet und verkünstelt und verstellt zu werden.
Jedes Element ist ewig wie die Welt und kann weder erschaffen noch vernichtet werden; und alles wird und ist und vergeht: Aber die Arten der Elemente, und die verschiedenen Formen, wozu sie anwachsen, sind unzählbar.
Nun geh hin, dir ist das Evangelium gepredigt!"

Und eine unaussprechlich schöne Gestalt voll grauser Majestät schwebte wie ein Berggeist in der Dämmerung an mir vorüber. Schauer auf Schauer wallten wie Fluten durch meine Seele, und mir sträubten sich die Haare auf dem Haupte.

 Rom:

Es ist ein unaufhörlich Vergnügen, in Rom zu sein; man findet immer Neues, was von der Gewalt und Herrlichkeit des alten Volks zeugt und oft einen entzückt oder erschüttert. Es ist eine wahre Tiefe von Menschheit; die anderen Städte sind dagegen wie erst angepflanzt.

Mir winkte obenauf durch Ruinen und Gesträuch, ewig jung und unversehrbar, die Pyramide des Cestius von fern in blauer Luft, und ich konnte nicht erwarten, dahin zugelangen; strich an einem Septizonium des Severus vorbei durch die Niederlagen des Circus Maximus zwischen den Aventinischen und Palatinischen Bergen nach dem Tiberstrom zu und daran fort, bis ich der reinen schroffen Felsenspitze immer näher kam.
Ach, wie alle die Herrlichkeit so verwüstet liegt! Und doch sind die Überbleibsel der Verwüstung nur klein gegen das, was stand: vom Circus Flaminius, Agonalis, Florealis, Vaticanus, von denen des Sallust und Nero ist keine Spur mehr zu finden. Und was waren die Gebäude selbst in ihrer Vollkommenheit gegen das ungeheure Leben darin!

Nichts hat einen so starken Eindruck auf mich gemacht, als Rom...von tausend und aber tausend lebendigen Springbrunnen wie in den quellenreichen Alpen drin, und manche männliche und weibliche Gestalt mit heißen Blick...auf weiten Plätzen und in den unabsehlichen Straßen erweckten eine Wunderempfindung von einer neuen Natur in mir, die ich noch nicht gehabt hatte.
Heiliges Rom, ich wandle unter deinen Trümmern.

 Zum Schluß:

Mich reut es, soviel mir Haare auf dem Kopfe stehen, dass ich Rom verließ, ich sehe in Teutschland kein Heil vor mir. Es ist bey uns alles so kalt, so kalt, und kein edler Geist findet Unterstützung.

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