Gert Theile
Rebellion und Schweigen.
Festansprache zum Heinse- Jahr (14. 06. 2003, Langewiesen)

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

,,Damit ein Ereignis Größe habe, muß zweierlei zusammenkommen: der große Sinn derer, die es vollbringen, und der große Sinn derer, die es erleben.”
Mit diesen Worten des nicht allzuweit von hier im kleinen Orte Rökken geborenen und da auch begrabenen Friedrich Nietzsche aus seinem Buch unzeitgemäßer Betrachtungen vom Jahre 1876 wollen wir uns eingangs auch dem Ereignis Johann Jacob Wilhelm Heinse aus Langewiesen nähern, dessen Schreiben hundert Jahre bevor Nietzsches Worte fielen, durchaus als großes Ereignis gefeiert wurde - und zwar von keinem Geringeren als dem fast altersgleichen Johann Wolfgang Goethe, während schon eine Generation später der Dichter Heinse keines mehr war, oder höchstens nur noch als peinlicher Vorfall der Literaturgeschichte gehandelt wurde.
Begraben fern der Heimat und vergessen von den meisten Vertretern des gelehrten Deutschland war es Konsens, ihn als Randfigur einer Zeit zu sehen, die der entlaufene Romantiker Heinrich Heine mit frecher Treffsicherheit die Wolfgang Goethesche Kunstperiode taufte, und die die Nachgeborenen etwas schlichter Goethezeit nennen lernten. Denn schließlich heißt ein Phänomen benennen auch, seiner habhaft zu werden.
Er habe mit seinem Romanerstling Laidion oder die Eleusinischen Geheimnisse gleichsam “Hunderten das Wort vom Maule genommen” hatte sich der damalige Star der literarischen Szene Goethe so enthusiastisch wie stilgewandt lutherisch über den achtundzwanzigjährigen Heinse geäußert, ihm gratuliert und gewünscht, er hätte das kleine philosophische Geistergespräch mit den so sinnlichen Schlußversen selbst geschrieben. Nicht lange nach Heinses Tod aber lautet das lapidare Urteil des damaligen Literaturpapstes Gervinus über den bekanntesten Roman Heinses: ,,Den Ardinghello halb gelesen. Pfui!”
Was war passiert?
Für Gervinus, den Verfasser einer Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen, für den die deutsche Poesie mit dem Alten von Weimar ihren Höhepunkt und ihr Ende erfahren hatte, schien Goethes Lob der frühen Jahre wenig maßgeblich.
War Heinse vielleicht
-  um mit Nietzsche zu sprechen - mit den Jahren der ,,große Sinn” abhanden gekommen oder ermangelte dem germanistischen Patriotismus vielleicht der Sensus, um Wilhelm Heinses Lebenswerk entsprechend zu würdigen?
Hier, unweit Weimars, im Schlagschatten der deutschen Klassik, soll wenigstens auch auf eine unglückliche Fügung, der Heinses fehlender Nachruhm geschuldet ist, verwiesen werden. Der vom jugendlichen Stürmer Goethe bewunderte Heinse hatte schließlich mit seinen Romanen den sich um gebändigt-maßvolle Formen bemühenden Dichtern des Weimarer Musenhofes nicht mehr ins eigene Konzept gepaßt: Eine autobiographische
·   Goethe-Äußerung und eine Fußnote in Schillers poetologischem Programm boten nicht wenigen Literaturverwaltern des neunzehnten Jahrhunderts Grund genug, den Dichter im Abseits eines klassizistisch orientierten nationalen Kulturspiels auszumachen.
Und bekanntlich ist es ja der sogenannte Kommentar, die Analyse, Auslegung, Wertung (also im speziellen Fall: Lob und Tadel Heinses), der Kunst erst als solche konstituiert und auch ihre Lesarten, die Abwertung und die Rehabilitierung, steuert
-  eben darin zeigt sich die Macht des Kommentars, den auch wir durch die Ausrufung eines Heinse-Jahres mit- und weiterschreiben.
·   Wer heute einen Dichter und Kunstschriftsteller ehrt, dem über fast zwei Jahrhunderte der Ruf als enfant terrible der Goethezeit und der Geruch des Abseitigen überhaupt anhaftete, wird sich zumindest den Verdacht gefallen lassen müssen, hier werde späte Nobilitierung aus dem Geist des 21. Jahrhunderts heraus betrieben, einem Denken dem nichts mehr befremdlich, sondern menschlich, allzumenschlich vertraut erscheint.
Was sollte da ein sich expressiv gebärdender Künstler des achtzehnten Jahrhunderts mit seiner Propaganda für den sinnlichen Genuß schocken?
Was aber macht einen Mann wie Heinse so interessant, daß sich gleich drei der Hauptwirkungsstätten des Dichters anläßlich seines zweihundertesten Todestages zu denkwürdiger
-  und kulturpolitisch -  vorbildlicher - Kooperation verbinden?
Das Skandalon Heinse ist in der Zeit des allgegenwärtigen mit Erotik aufgeladenen Kulturbetriebs gewiß keines mehr, heute, wo multimediale Sex Sells-Strategien selbst den reinsten Goethe-Jünger in seinem bibliophilen Humanismus nicht mehr zu erschüttern vermögen und ihn sogar zum hartgesottenen Liebhaber der einschlägigen priapeischen Stellen seines Meisters befähigen.
Und finden wir beim Blättern in den literaturgeschichtlichen Wälzern nicht, daß der vornehmliche Grund für das Vergessen um Heinse ein geschichtlicher ist? Für die patriotische Blumenlese konnte eine deutsche Germanistik, die sich gerade ihre fehlende Nationalgeschichte mit Nibelungenlied und Merseburger Zaubersprüchen neu erfand, Heinses üppig ins Kraut schießende Kunstgewächse nicht gebrauchen; ein vermeintlich sittenloser Feuerkopf und Schilderer unbürgerlich-exotischer Existenzen, dazu behaftet mit
·   dem Stigma der Ablehnung durch die mittlerweile zu Säulenheiligen avancierten Weimarer Klassiker wurde schlicht als degoutant empfunden.
Doch eine lediglich historische Erklärung stellt für die Frage nach dem Nicht-Ereignis von Kunst immer eine unzureichende Antwort dar.
So wie Bach von Mendelssohn-Bartholdy für die Nachwelt neu entdeckt wurde und erst das neunzehnte Jahrhundert sich wieder auf Rembrandt besann, so wie nach der 1848 Revolution der vergessene Arthur Schopenhauer zum neuen Modephilosophen avancierte oder E.T.A.Hoffmann erst den Umweg über Amerika und Frankreich, über Poe und Baudelaire, nehmen mußte, um in Deutschland ,,anzukommen”, so wechselvoll und zeitversetzt wird Kunst nicht selten zum Ereignis.
Zugegeben, das sind große Namen, doch ist der Tatbestand der gleiche:
Wenn also Heinse großenteils und streckenweise auch ,,zu Unrecht” vergessen worden ist, und wenn er aus dem Gros der Wald-und-Wiesen-Dichter Deutschlands hoch heraus ragt, dann muß es darauf auch eine andere, die für einen Künstler einzig gemäße Antwort geben
- die auf die Frage nach kreativer Eigenständigkeit, nach ästhetischer Spannung und künstlerischem Tabubruch -  kurz: nach der Unzeitgemäßheit seiner Zeitgenossenschaft.
Bezeugt haben diese Unzeitgemäßheit für Heinse
-  Sie wissen schon: der typische Geheim-
tip unter meist noch nicht arrivierten Kunstfreunden (das muß man gelesen, gehört, gesehen haben)
-   bezeugt haben dies durch alle literarischen Epochen hindurch immer jene, welche sich selbst zur Avantgarde rechneten: Vom erwähnten Werther-Autor über Hölderlin und Tieck, Friedrich Schlegel zu Arnim und Brentano, von den Vertretern des Jungen Deutschland zu Friedrich Hebbel bis Arno Schmidt.
Denn avantgardistisch war Wilhelm Heinse auf vielen Gebieten.
Sein zweiter Roman Ardinghello begründet das Genre des Künstlerromans in der deutschen Literatur, wird zum Vorbild für Wackenroder und Tieck, Keller und Conrad Ferdinand Meyer. In den Romanen Friedrich Schlegels und Karl Gutzkows hinterläßt Heinses Plädoyer der befreiten Sinnlichkeit seine Spuren, und nebenbei trägt der Roman seinen Teil zum Entstehen eines ersten Renaissance-Verständnisses unter den Deutschen bei.
Die frühe Übersetzung des römischen Satirikers Petronius ist bis auf den heutigen Tag maßgebend geblieben. In den Readern und Reihen zur Dichtkunst der Antike steht der Übersetzername Wilhelm Heinse ebenso selbstverständlich unter Petron, wie derjenige Johann Heinrich Vossens unter den Übertragungen der Epen Homers.
Auch Heinses Schaffen als Musikschriftsteller darf als Markstein innerhalb der Geschichte
dieser Gattung bezeichnet werden, und er behauptet sich in seiner Eigenheit durchaus neben den Reichardt, Hoffmann oder Hanslick.
Innovativ aber ist Heinse vor allem in seiner Kunstschriftstellerei, die in Auseinandersetzung mit den tonangebenden zeitgenössischen  Theoretikern Winckelmann, Lessing, Herder entsteht. Mit den Düsseldorfer Gemäldebriefen in denen er - lange vor Jakob Burckhardt - den Maler Peter Paul Rubens wieder- und neuentdeckt, setzt er gut ein Dutzend Jahre zuvor das um, was der Romgefährte Goethes, Karl Philipp Moritz mit theoretischer Entschiedenheit für seine Zeit einfordern wird: der Bilderkunst mit einer neuen literarischen Kunst zu begegnen. Mit seiner Beschreibungskunst, der dezidierten Literarisierung des Tafelbildes und auch mit der Beschreibung der Plastik bringt Heinse selbst neue Kunstwerke hervor. Dabei ist seine Ästhetik durch Autopsie am Kunstwerk entwickelt und nicht im Himmel der Spekulation gewonnen.
So bemerkt er gelegentlich einer Unterscheidung,  wie sie  z. B. Herder vornimmt, Malerei sei fürs Auge, Plastik fürs Gefühl, erfrischend unakademisch: ,,Im Gesicht ist eben so viel Wahrheit als im Gefühl; so hat einer im Finstern einen Hintern für die Wange seines Mädchens geküßt.”
Der aktuelle Brockhaus stellt Heinse in eine Reihe mit solchen Vertretern des deutschen Aphorismus, wie Lichtenberg, Goethe, Friedrich Schlegel, Schopenhauer, Nietzsche, Karl Kraus und Ernst Jünger.

Doch ist seine aphoristische Denkart nicht unwesentlich daran schuld, wenn Heinses Romane nicht das organische Ineinandergreifen von sinnlichem Leben und theoretischen Erörterungen widerspiegeln, wie es die traditionelle Kritik etwa bei Goethe und den Romanciers des neunzehnten Jahrhunderts schätzt -  etwa bei Fontane, der aus theoretischem Horizont und gesellschaftlichem Milieu oft ein Beziehungsgefüge zwischen Mann/ Frau flicht (was ihn bis heute die Sympathie der Leser sichert).
Der Romanautor Heinse ist unvermittelter, traditioneller, mehr dem pointierten Einfall in seiner Demonstration als der Ideenvermittlung mittels Kompositionstechnik und Charakterdifferenzierungen verpflichtet. Ein dem heutigen Leser eher archaisch anmutendes aufklärungskonformes Nebeneinander von Prodesse et Delectare, das nicht einmal mit den reflexiven Raffinessen jüngerer Dichterkollegen, wie etwa Hölderlin, konkurriert, geschweige denn mit romantischen Ambivalenzen und Figurenpsychologie aufzuwarten weiß. Heinses Romane sind Thesen-Romane, bevölkert mit Figurentypen, die die Sprachröhren ihres Autors sind, der seine philosophischen und ästhetischen Ansichten aufzeigt.
Darüber bricht die Nachwelt schnell den Stab, so daß
-  bis auf den am besten lesbaren, mit buntem Abenteuerspektakel und erotischen Phantasien durchsetzten Ardinghello -  auch Fachleuten der Literatur diese Bücher nur noch dem Titel nach bekannt sind. Doch hilft -  die Anmerkung sei auch für den Romancier Heinse gestattet - eine genauere Kenntnis der beiden späten Werke, Hildegard von Hohenthal und Anastasia und das Schachspiel, nicht nur das Weltbild und Selbstverständnis des Mannes, den wir heute ehren, zu vervollständigen. Beide Texte geben auch Literaturgeschichtsschreibern Gelegenheit, die Kapitel zum Prosaschaffen um 1800 differenzierter zu fassen: Beide Texte sind in ihrer poetischen Eigenwilligkeit und fragmentarischen Form ebenso der Kategorie ,,Romanexperimente” zuzurechnen, wie Hölderlins ,,Hyperion”, Novalis‘ ,,Heinrich von Ofterdingen” oder Brentanos ,,Godwi”. Sie alle sind -  groß gesprochen -  Zeugnisse poetischer Exzentrizität als Antwortsuche des Individuums nach dem Bankrott der Großen Ideen -   nach Aufklärungskritik, Säkularisation und Revolutionsideologie.
Dabei fallen Heinses Figuren aus dem poetischen Mainstream heraus. Seine Romanhelden sind keine Sonderlinge, wie sie bei Wezel und Jean Paul, Eichendorff, Keller oder Storm auftreten. Wirken Heinses Geschöpfe auch recht blutarm, so eignet ihnen doch der Status von Geistesaristokraten, die sich zwar der Maske der Mittelmäßigkeit inmitten ihrer mediokrenen Umgebung bedienen, doch niemals würden sie sich eine Narrenkappe aufstülpen.
Dies weist auf überdeutlich auf das Welt- und Selbstverständnis ihres Schöpfers hin. In seinen geheimen Notizheften und Tagebüchern problematisiert Heinse das in den Romanen eher verrätselte Spannungsverhältnis, das sein Leben prägt, mit oft äußerster Radikalität. Die Notate geben Zeugnis von lebenslangen Versuchen, seine geistige Autonomie zu behaupten, ohne mit der gesellschaftlichen Konvention zu brechen, auf die ein ewiger Kostgänger (ob als Hauslehrer, ob als von Freunden zu alimentierender Logiergast und reisender Literat oder ob als kurfürstlicher Hofrat, Vorleser und Bibliothekar) bei Gefahr des Existenzverlustes verpflichtet ist.
Niemals flüchten sich die starken Persönlichkeiten seiner Romane, wenn sie nicht gerade Erfüllung im Kreise Gleichgesinnter und Gleichgestimmer finden in Schrulligkeiten - eher in Misanthropie, Zynismus oder Verstellung. Heinse, der wohl nur einen einzigen wirklichen Freund besaß, den berühmten Anatomen Samuel Thomas Soemmerring, flüchtet ins Schweigen. Ein Schweigen, das er so konsequent aufrechthält, weshalb ihn Zeitgenossen wie der Weltreisende Georg Forster und der Historiker Johannes von Müller einfach für menschenscheu halten.
Zu Recht ist von der Forschung festgestellt worden, daß das innere und das äußere Leben Wilhelm Heinses mit zunehmender Lebensalter immer beziehungsloser nebeneinander verlaufen seien. ,,Ein Mann von großer Seele ist sich selbst genug”, steht in seinen Selbstzeugnissen an exponierter Stelle.
Sicher, auch dem aufmerksamen Leser seiner Schriften fällt wohl eher der Kunst und Literatur revolutionierende Vorzug des Dichters als Heinses sozialer Rückzug auf
- mehr die  unerbittliche Konsequenz als die persönliche Tragik dieser Biographie.
,,Heinse”, schreibt Friedrich Hebbel 1840 ins Tagebuch, ,,ist eine Feuerwolke, die Deutschland erst dann am Himmel bemerkte, nachdem sie durch einen ihrer Blitze ein paar elende Bauernhütten in Brand gesteckt hatte.”
Ach, in solch jupitersattem Szenario hätte sich lediglich der auf dem Emanzipationstrip wandelnde junge Heinse wiedergefunden, als er noch der scherzhaften Muse, die sich in rokokohaften Tändeleien gefiel, die Flötentöne austrieb. Statt über säuselnder Winde und buschwindröschenhaftem Voyerismus, wie es in seiner Jugend poetisch en vouge war, macht sich Heinse einen Reim auf orgiastische ,,Regengüsse” und blutspritzende ,,Liebesbisse”. Und merkt sehr schnell, wie einem der Ruf des Erotomanen schadet. Es dauert dreißig Jahre, bis ein gewisser Heinrich von Kleist Heinses lyrischen Geschlechterkampf poetisch überbietet -
und mit dem Liebesmord seiner Amazonenkönig Penthesilea ebensowenig Gnade findet in den Augen des literarischen Trendsetters Goethe wie seinerzeit Heinse bei seinem Mentor Wieland. Der hatte Heinses Vorwurf gegenüber seiner Rokoko-Erotik ebenso gut verstanden, wie Goethe in Kleists Drama nun den trotzigen Gegenentwurf zu seiner Iphigenie sah. Avantgarde sein, künstlerisch zumal, kann lebenszehrend sein.
Heinse jedoch flüchtet sich nicht in den Wahnsinn, aber zunehmend ins ästhetische Exil, in die Abstraktion der Darstellung und in eine Art selbstgewählten Autismus.
,,Hofmeister wurden viele, Minister nur wenige”, lautet der fast sardonische Kommentar zum Schicksal deutscher Literaten der Goethezeit in einer neueren Literaturgeschichte.
Wenn wir Heinses Lebens- und Arbeitsweise als Zeichen gefährdeter Individualität lesen, so sind wir auch hier einem typischen Schicksal der Epoche begegnet
-  einem innerlich Exilierten, der seine glückseligen Inseln vor allem im Ästhetischen gefunden hat.
Dabei hat Wilhelm Heinse
- durch die verschiedensten Lebenserfahrungen früh geprägt -niemals die Kunst als höchste Instanz oder als Kompensationsobjekt einer entgötterten Moderne gepriesen. Wer zu tief im realen Schlamassel steckt, bleibt gewöhnlich skeptisch gegenüber den Rauschmitteln des Idealismus -  den großen Theoremen der Politik, Philosophie und Kunst. -
Heinses an die frühe griechische Naturphilosophie angelehntes Ich- und Weltverständnis begreift die Welt als das auseinandergefaltete Wesen, als die in stets neuen Formen mit sich selbst spielende Gottheit. Nach Heinse muß die Welt als göttliches Spiel erfaßt werden, dem die eigene Existenz beizugeben ist.
Eine entsprechend vollkommene, teils einfühlsame teils ins Hymnische sich steigernde Sprache, aus der noch die Vertreter des literarische Expressionismus wie Impressionismus schöpfen werden, findet Heinse auch für seine Naturbilder, für alle Erlebnisse, in denen er sein naturhaftes Vollkommenheitsideal manifestiert sieht.
Die pantheistisch intendierte Ersetzung eines verlorenen personifizierten Gottesbegriffs ist typisch für die Intellektuellen des achtzehnten Jahrhunderts. Eine göttlich durchwaltete Natur hat sich als fixer, das meint: rational nicht hinterfragter Begriff in die traditionelle Theologie hineingedrängt.
Man reißt ihr keine Erklärungen vom Leibe, sagt etwa Goethe über diese Natur. ,,Sie ist alles, ich vertraue mich ihr, sie mag mit mir schalten, ich preise sie in allen Werken.” Das Gefühl des homo religiosus
-  die Nähe -  zwischen Heinse und Goethe -   ist bezeichnend.
In der harten Analyse Gottfried Benns stellen solche Bekenntnisse gewissermaßen schon die Abschiedsworte des Abendlandes an eine Welt dar, die seit 2000 Jahren, also mit der griechischen Mythologie, als durchseelt empfunden, in Bäumen und Geschöpfen als von Gott durchlebt, den Menschen beigegeben galt.
Der goethezeitliche Rückgriff als weltanschaulicher Neuansatz und Abschluß einer Denktradition, die über den christlichen Konfessionismus weit hinausreicht.
Et in arcadia ego. Goethe, Heinse und ihre Zeitgenossen -  auch sie waren noch in Arkadien. Die Menschen des nächsten Jahrhunderts, die ihre darwinistische Kränkung erfahren haben, kommen nur noch von den Bäumen.
,,Eins zu sein mit allem”, heißt auch Heinses Erlösungsformel. Große Naturphänomene werden als beglückende Bebilderung göttlichen Lebens erfaßt.: ,,Sich an der Natur und dem Göttlichen darin weiden, freuen und sie dabei feiern."
Natur und Musik von frühauf (also seit den Stätten seiner Kindheit), bildende Kunst und Literatur in Arnstadt, Schleusingen, vor allem wohl in Erfurt und die Frauen
-  wir lassen es dahingestellt, wo auch immer - haben Heinses Sozialisationsphase (wie man so ungeheuerlich schön sagt) nachdrücklich geprägt. Schul- und Studienzeit wohl die Abscheu vor verstiegenem Akademismus und den Haß gegen eine weltfremde, menschenverderbende Pädagogik befestigt. Von Jugend an spricht aus Heinses Worten der leicht verletzbare Stolz des Außenseiters und vor allem des Autodidakten, im Unterton klingt die Bitterkeit steter materieller Entsagung eines -  lesen Sie seine Briefe, das Wort trifft es genau -  bettelarmen, sich trotz aller demütigenden Bittgängerei nie untreu werdenden Mannes mit. In seiner Frühschrift Musikalische Dialogen, die zu seinen Lebzeiten keinen Verleger fand, ist nachzulesen, was Heinse -  Grund immerwährenden Pisa-Alarms zu allen Zeiten - gerade aus Erfahrung für den wichtigsten pädagogischen Aspekt hält: ,,Die Jugend, welche die Weisheit völlig lernen will, muß die allerbeste Auferziehung haben. Man nennt sie gewöhnlicher Weise studierende Jugend. Das Hauptwerk hierbei ist, sie zum Selbstdenken anzugewöhnen.”
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich kann an dieser Stelle die Stadt Langewiesen nur nachhaltig beglückwünschen, ihrer Schule den Namen Johann Jacob Wilhelm Heinse verliehen zu haben. Denn es ist nicht wichtig, wie sperrig die Romane des größten Sohnes ihrer Stadt heutigen Lesern anmuten, und es ist nicht wichtig, daß Heinse nicht so vollkommene Literatur schrieb, wie der lebenslang von ihm bewunderte Goethe, und ziemlich belanglos wird es auch sein, sollten sich an den Rändern des Feuilletons die akademischen Zänkereien über zuviel oder zuwenig Ehrung für den Dichter Heinse aus Langewiesen bei Erscheinen der großen Edition des Frankfurter Nachlasses einstellen.
Sich eines Mann von dieser Geisteshaltung zu erinnern, ist Pflicht, Notwendigkeit und Ehre in einem.
Angesichts des heute zu erlebenden Autismus, mit dem wir im Alltag mehr und mehr konfrontiert werden, sollte uns der eremitische Rückzug und die Flucht ins Schweigen bei einem Mann nicht verstören, der die Wurzel allen Übels charakterlicher und geistiger Depravation und der deraus resultierenden meist mißglückten zwischenmenschlichen Kommunikation so deutlich benannt hat.
Vielleicht stand dem Herausgeber der ersten Heinse-Auswahlausgabe, dem Schriftsteller Heinrich Laube, gerade Heinse vorm inneren Auge, als er angelegentlich eines Weimarbesuchs folgendes notiert:
,,Jedes Genie ist von Haus aus revolutionär, weil es erfinderisch und schöpferisch ist. Die Aufgabe der Mitwelt ist es, Große in gemessene, harmonische Verbindung mit dem Bestehenden zu bringen. Dies geschieht dadurch, daß man sie der Vorteile und Freiheiten der Herrschenden teilhaftig werden läßt, damit sie mit ungestörtem Herzen und folglich auch selbst nicht störend das Neue schaffen und erfinden. Wessen Geist sich nie herausgewagt hat, um das bestehende Gesetz, die herrschende Sitte vom isolierten Hügel der ungebundenen Eigentümlichkeit anzusehen und zu prüfen, die Rechte des Verbotenen mit in die Waagschale zu werfen, in sich den Versuch einer eigenen Gesetzgebung zu unterzeichnen, der hat nie Genie besessen.”
Dem ,,Verbotenen Rechte” überhaupt zuzugestehen, bedeutet Bruch mit dem Alten. ,,In sich den Versuch einer eigenen Gesetzgebung zu unterzeichnen”, heißt Mut zur Individualität - zum Selbstdenken.
Heinse hat von Langewiesen bis Aschaffenburg beides zu verbinden gewußt und es in geistiger Selbstständigkeit zu leben versucht. Das haben zu seinen Lebzeiten außer Soemmering vielleicht nur die erkannt, denen er sich ein wenig öffnete
- Friedrich Hölderlin, dem Heinse ein ,,ehrlich Meister” war, und Clemens Brentano, der von Heinse sagte, er habe vielleicht klassischer gelebt, als andere geschrieben hätten.
Und, wir fügen hinzu, gelebt im Lande Luthers, Goethes, Kants, der deutschen Romantik und Nietzsches, wo so oft wie nirgends sonst vielleicht das große Wort vom "Selbstdenken” postuliert wurde und wird, und noch öfter Ängstlichkeit und Sicherheitsbedenken an seine Stelle treten und Innovation oft mit Rebellion verwechselt wird. Doch sind es nicht gerade die vornehmlichen Häretiker, in denen die Flamme heißer brennt, als in den Lauen?
Also, und nun sind wir schon bei Brecht, ehren wir Heinse, indem wir uns nützen: Ermutigen Sie sich und Ihre Kinder zu Heinsescher Offenheit für das Schöne, zur Hochachtung vor dem Individuum, der Natur und zu einem sinnenfrohen Leben. Und vergessen wir nicht den Witz, den Spott und das Lachen, diese von Heinse geliebten geistigen Strategien gegen die schwerfällige Lüge vom Fertigsein in der Kultur und gegen die schale Illusion endgültiger Wahrheit. Und auch nicht das Spiel, das Heinse in seinen verschiedenen Formen liebte; denn bekanntlich ist der Mensch nur dort ganz Mensch, wo er spielt.
- Jetzt war ich bei Schiller - wenn Heinse das wüßte!
·  Also ermuntern Sie sich und ihre Kinder immer wieder zum Selbstdenken.
                          Es müssen ja nicht alle schweigen.

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