Wilhelm Heinses Rückkehr in seine Heimat Langewiesen als neues Zentrum der Heinsetradition und Heinseforschung
Ansprache von Professor Dr. Max. L. Baeumer am 08.05.1999 im Heinse-Haus Langewiesen

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Bürgermeister Brandt, geehrter Herr Schadwinkel, meine lieben Heinse-Freunde!

Zuerst und vor allem möchte ich mich ganz herzlich bedanken für die hohen Ehrungen, die Sie mir haben zuteil werden lassen und für die Ehre, daß Sie mich hierher eingeladen haben, zu Ihnen zu sprechen und bevor ich meinen Lebensabend begehe, die Geburtsstätte, die Heimat unseres Wilhelm Heinse, kennenzulernen.
Die Überschrift zu meinem Referat besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil, Wilhelm Heinses Rückkehr in seine Heimat, findet seine Erklärung im zweiten Teil, Langewiesen als neues Zentrum der Heinsetradition und Heinseforschung. Die Feststellung, Langewiesen als neues Zentrum der Heinsetradition und Heinseforschung, ergibt sich aus der Satzung des Heinse-Freundeskreises, in der es wörtlich heißt: Das Ziel des Vereins ist die Förderung des öffentlichen Bewußtseins zur Bedeutung des Dichters und Denkers Johann Jacob Wilhelm Heinse in seiner und der heutigen Zeit. Weiterhin sagt die Satzung: Der Verein unterstützt die Maßnahmen zur Rekonstruktion und Erhaltung der öffentlichen Heinse-Gedenkstätten.
Zu der zweiten Feststellung, Langewiesen als Zentum der Heinseforschung, sagt die Satzung:
Der Heinse-Freundeskreis Langewiesen organisiert jährliche Veranstaltungen zu wichtigen Daten im Leben des Dichters und Denkers Heinse. Der Verein arbeitet aktiv an einer Daueraustellung zum Leben und Werk Wilhelm Heinses. Und weiterhin: Der Verein bemüht sich um die Schaffung einer Dokumentationsstelle und Forschungsstätte für den Dichter und Denker Heinse in seiner Geburtsstadt Langewiesen. Dazu heißt es wörtlich: Der Verein leistet hierzu eigenständige Beiträge. Zur Verwirklichung all dieser Punkte sagt die Satzung kategorisch: Der Verein wendet sich an alle mitzuwirken.
Heinsetradition und Heinseforschung sind von Ihnen aber bereits weitgehend eingeleitet und zu einem guten Teil verwirklicht. Das Heinse-Haus, im vorigen Jahr eröffnet, haben Sie, wie es in der Zeitung Freies Wort, im Teil Ilmkreis heißt, zu einem umfassenden sozio-kulturellen Zentrum erweitert, in dem Gedenkräume, Informations-, Austellungs- und Veranstaltungsräume vereint sind.
Im Heinse-Haus befinden sich der Fremdenverkehrsverein, das Verkehrsamt, das Heimatmuseum mit einer originalgetreuen Nachbildung der Gutenbergpresse, die Heinse in seiner erst vor 30 Jahren entdeckten Schrift zur Erfindung der Buchdruckerkunst glänzend verteidigt hat.
Weiterhin sind die Heinse-Bibliothek,eine Heinse-Dokumentationstelle, und ein Personalcomputer vorhanden. Diese Einrichtungen sind auf Ihre Initiative und mit Ihrer tätigen Mithilfe geschaffen worden und funktionieren bereits im Anfangsstadium.
Außerdem liegen Pläne zu einem Freilichtmuseum mit Bühne für Theateraufführungen vor; alles verbunden mit Heinse zum soziokulturellen Zentrum Langewiesen. Kein Wunder, daß der tatkräftige und verdienstvolle erste Vorsitzende des Heinse-Freundeskreises, Herr Schadwinkel, es für angemessen hält, Langewiesen Heinsestadt Langewiesen zu benennen; ähnlich wie die Goethestadt Weimar oder die Lutherstadt Wittenberg.
Wenn Herr Schadwinkel in seiner Ansprache zur Eröffnung des Heinse-Hauses in Langewiesen im vorigen Jahr sagte, es sei angemessen , den Titel Heinsestadt Langewiesen offiziell einzuführen, so tut er dieses in Verbindung mit einer Bemerkung, die sich leicht vorwurfsvoll auf mich bezieht.
Er sagt nämlich dort: Der amerikanische Heinsekenner und Forscher Professor Dr. Max L. Baeumer regte in den siebziger Jahren an, in Aschaffenburg, wo Wilhelm Heinse viele Jahre bis zu seinem Tode wirkte, eine Heinse-Gedenkstätte einzurichten.
Und wenn das Aschaffenburger Volksblatt Baeumer damals zitierte, der Heinse als den spiritus loci, als den Geist des Ortes des kulturellen Aschaffenburg bezeichnete, dann war Heinse doch gar kein Aschaffenburger, so sagt Herr Schadwinkel, er stammte aus Langewiesen, und da ist es doch recht, seine Geburts- und Heimatstadt Heinsestadt Langewiesen zu benennen.
Aus der heutigen Lage der Dinge hat Herr Schadwinkel vollkommen Recht, nicht Max Baeumer.
Wenn es Heinse zu ehren gilt, wenn wir fragen und feststellen, wo die Bedeutung Heinses herausgestellt und die Heinsetradition und -forschung neu begonnen und zentralisiert wird, dann ist es nicht Aschaffenburg, wie damals Baeumer vorschlug oder irgend ein anderer Ort, sondern nur Langewiesen, wo man sich um Heinse kümmert und sein Leben und Werk neu und weiterhin erforscht.
Vor 25 Jahren , als ich Aschaffenburg als Heinsezentrum vorschlug , war das anders. Eine sogenannte Heinse-Renaissance war ins Leben gerufen. Erstmalig begann man Heinses Tagebücher und seinen Nachlaß zu erfassen und näher zu erforschen. Und es wurde notwendig, einen Ort für das Anlegen von Dokumentationen und für Heinsetagungen zu finden. Der Osten war verschlossen, keinem Westler, geschweige denn einem Amerikaner, war es erlaubt, nach Langewiesen zu reisen, um dort Heinseforschungen anzustellen. Da bot sich, wenn auch nur für ein paar Jahre, Aschaffenburg an. Der Oberbürgermeister lud ein, im Rathaus wurde getagt, und die von Heinse angelegte kurfürstliche und jetzt staatliche Bibliothek im Schloß Johannisburg, die damals gerade von den Kriegsschäden renoviert wurde, konnte besichtigt werden. Aber das kleine, halbzerstörte Zimmer zwischen zwei herrschaftlichen Schloßtreppen, in dem Heinse zuletzt lebte, konnte nur kurz eingesehen werden. Heute besteht das Heinsezimmer nicht mehr. Im Zug der Renovierungsarbeiten wurde es verbaut. An Heinse erinnert im kurfürstlichen Schloß Johannisburg, und da nur im Clemens-Brentano-Zimmer, eine kleine Glasvitrine mit Erstausgaben von Heinses Werken.
Heute aber sucht die in vielen Orten neu anlaufende Heinseforschung auch wieder einen Ort für Tagungen und ein Heim für ein zu erstellendes Heinsearchiv. Und bietet sich da nicht das Heinsezentrum in Langewiesen geradezu an?
Was in den siebziger Jahren von den nur dreijährigen Bemühungen der Heinse-Zentralisierung in Aschaffenburg übrig blieb, war erstens eine zeitweilige finanzielle Unterstützung der Vorarbeiten zu einer viel zu groß geplanten historisch-kritischen Ausgabe der Werke Heinses durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Zweitens wurden drei editorische Heinse-Tagungen in Aschaffenburg abgehalten. Und als nun in Aschaffenburg doch kein Heinsezentrum zuwege kam, hat die Akademie der Wissenschaften und Literatur im benachbarten Mainz, die bereit war, die Heinseedition zu unterstützen, wenigstens noch 1978 eine Wilhelm Heinse-Medaille als internationalen Preis für essayistische Literatur geschaffen; wobei unter Essay in seiner ursprünglichen Bedeutung eine literarische Abhandlung in allgemeinverständlicher und geistvoller Form zu verstehen ist.
In der Installationsurkunde der Medaille wird Heinse als preisgekrönter und einer der ersten Essayisten gepriesen; als derjenige, der, ich zitiere durch seine neuen Impulse auf die Kunst-und Musikschriftstellerei seiner Zeit, aber auch die der Romantik, nachhaltigen Einfluß ausübte. Die Verleihung dieser Heinsemedaille war auf 20 Jahre festgelegt und ging im vorigen Jahr zu Ende. Zu ihren berühmten internationalen Preisträgern gehörten, um nur einige Namen zu nennen: Michael Hamburger, London;.Susan Sontag, New York und Paris; Giorgio Manganelli, Rom; Octavio Paz, Mexiko.
Warum erzähle ich Ihnen das alles? Ich möchte Ihnen anheimstellen, wie wichtig ein Zentrum der Heinsetradition und Heinseforschung ist, wie sehr Sie zu loben sind, daß Sie die Einrichtung eines solchen Zentrums unternommen haben, und wie dringlich es ist, daß der weitere Ausbau Ihres Zentrums ganz nach den Plänen und Richtlinien, die Sie entworfen haben, jetzt weitergeführt wird. Eigentlich brauchen Sie mit Ihren Unternehmungen nur so weiterzumachen, wie Sie diese bisher durchgeführt haben. Laden Sie auch weiterhin Interessenten und Heinseforscher zum Vortrag ein. Zahlen Sie aber nicht unbedingt jedem ein Honorar. Sie brauchen das Geld anderweitig viel dringender. An Stelle eines Honorars können Sie eine interessierte Zuhörerschaft, wie heute, in Aussicht stellen. Schlagen Sie für jeden Vortrag eine anschließende Diskussion und Fragestellung vor. Ihr Geld aus Beiträgen und Spenden benötigen Sie für Einrichtungen, Anschaffungen, für den Schriftverkehr, und nicht zuletzt für die Werbung zur Mitarbeit. Betrachten Sie sich aber in keinem Fall als nur sogenannte halbgebildete Laien oder gar als Unwissende in Heinse-Sachen, die von besserwissenden Intellektuellen belehrt werden müßten. Sie haben die Orte, an denen Heinse gelebt und gewirkt hat, besucht. Sie sind mit Heinses Herkunft und seiner Familiengeschichte vertraut. Sie kennen sich in Heinses tatsächlichen Lebensbedingungen, in seinen Umweltbeziehungen, in seinen wirtschaftlichen und geographischen Voraussetzungen aus; Voraussetzungen und Erkenntnisse, von denen viele theoretische Heinseforscher keine Kenntnis haben. Wissen Sie, daß Sie mit einigen Ihrer Unternehmungen um Heinse die Vielzahl der Heinseforscher, einschließlich Max Baeumer, in den Schatten gestellt und eigentlich ein wenig beschämt haben? Sie sind mit dem Reclam-Ardinghello in der Hand auf den Spuren Heinses nach Italien gereist und haben die Kunstwerke, die er beschreibt, besichtigt. Sie haben fast als einzige reale Heinseforschung an Ort und Stelle der literarischen Geschehnisse betrieben. Nur der Kunsthistoriker Wolfgang Hartmann in Karlsruhe und seine Frau, die Kunsthistorikerin Dürten Hartmann, haben in zwei Sommern die wichtigsten Gemälde und Kunstwerke, die Heinse besichtigte, in Italien aufgesucht, um dort festzustellen, wie diese Kunstwerke heute einzuschätzen und unter welchem Namen sie heute bekannt sind. Hartmanns konnten nachweisen, daß Heinse einige dieser Kunstwerke überhaupt als erster benennt und in vielen Fällen neuere kunstgeschichtliche Erkenntnisse bereits vorausnimmt.
Erlauben Sie mir, daß ich abschließend zum weiteren Ausbau Ihres Zentrums der Heinsetradition und -forschung ein paar technische Gesichtspunkte kurz erörtere. Sie wollen, wie gesagt, sich an weite Kreise wenden und Heinses Bedeutung im öffentlichen Bewußtsein fördern und zur Mitarbeit aufrufen. Sie beabsichtigen, jährlich und zu besonderen Anlässen,Veranstaltungen, wie Festlichkeiten, Tagungen, wissenschaftliche Kolloquien und Symposien, zu organisieren. Hierzu wird eine gut geplante und fortgesetzte Werbung und detaillierte Information notwendig sein mit Rundbriefen, Veranstaltungsankündigungen und vorab mit einer regelmäßig oder unregelmäßig erscheinenden Publikation; z.B. mit einem Heinse-Jahrheft, anstelle eines üblichen umfangreichen und kostspieligen Jahrbuches, wie etwa in der Goethe- oder Schillerforschung. Ein solches einfaches Heinse-Jahrheft können Sie selbst mit wenig Kosten, mit Ihrem Computer, Word-Processor und Diskette als Mitteilungsblatt des Heinse-Freundeskreises in beliebiger Ausgabe und Form herstellen; wobei, wenn notwendig, auch ein geringer Bezugspreis erhoben werden kann.
Anfangs wird ein solches Unternehmen wohl nur in unbezahlter freiwilliger Mitarbeit der Mitglieder des Freundeskreises geleistet werden können, d.h. so wie Sie bisher selbst alles geleistet haben in freiwilliger, unbezahlter Arbeit. Solche Werbung und Information muß an alle Heinseforscher im In-und Ausland sowie an die Bibliotheken, in denen sich Heinse-Bestände befinden, wie in Frankfurt, Aschaffenburg und Weimar, herangetragen werden. Alle diese Institutionen sind mit Namen und Adressen im Computer festgehalten.
Während Festveranstaltungen und Heinse-Gedenkfeiern vom Heinse-Freundeskreis in eigener Regie geplant und durchgeführt werden können, sollte man rein wissenschaftliche Tagungen und Kolloquien zusammen mit einem oder einigen befähigten und anerkannten Heinse-Gelehrten organisieren. Das 1996 von Dr. Gert Theile in Weimar programmierte und durchgeführte wissenschaftliche Kolloquium aus Anlaß von Heinses 250. Geburtstag gibt ein gutes Exempel einer erfolgreichen Tagung dieser Art. Die Referate dieser wissenschaftlichen Tagung sind in dem Band: Das Maß des Bacchanten - Wilhelm Heinses Über-Lebenskunst - im Wilhelm Fink Verlag München veröffentlicht. Der Ihnen bekannte Dr. Gert Theile im nahen Weimar kann für die Durchführung einer solchen Tagung empfohlen werden. Aber auch andere Heinseforscher könnten da mit Ihnen zusammen tätig werden.
In der nahen Zukunft, in nur 4 Jahren, wird Heinses 200. Todestag begangen, und am besten dies mit einer Reihe von Veranstaltungen und wissenschaftlichen Unternehmungen hier in Langewiesen.
Und alles dieses muß mit anerkannten Heinseforschern früh genug geplant und organisiert werden.
Alle diese Persönlichkeiten sollten eingeladen werden, dem Heinse-Freundeskreis Langewiesen beizutreten, zum laufenden Heinsejahrheft beizutragen und die kommenden Heinseveranstaltungen in Langewiesen durchzuführen. Die zu einem umfassenden Archiv erweiterte Dokumentationsstelle sollte die Namen und Quellen der Arbeiten, Veröffentlichungen aller Heinseforschungen und aller mit der Person, der Forschung und Bewahrung der Heinsetradition in Verbindung stehenden Persönlichkeiten, Bibliotheken und anderer Institutitionen enthalten.
Weiterhin wird es das Ziel sein, von allen Veröffentlichungen über Heinse, sein Leben, sein Werk, seine Rezeption und sein Wirken mindestens je ein Belegexemplar im Archiv zu haben.
Die Autoren solcher Veröffentlichungen sollten dringend gebeten werden, diese Belegexemplare baldmöglichst zur Verfügung zu stellen. Es sollte fernerhin das Ziel sein, zu den bisherigen und kommenden Gesamt-,Teil- und Einzelausgaben des Heinseschen Werkes Exemplare oder Kopien zu erhalten, oder antiquarisch zu erwerben, oder, wie Sie es jetzt bereits getan haben, Kopien für das Archiv herzustellen. Diese Kopien sind übrigens oft in besserem Zustand und besser zu lesen, als die Originale. So dürfte dann das Langewiesener Heinse-Archiv alles Schrifttum, das zur weiteren Heinse-Forschung notwendig ist, in Besitz und zur wissenschaftlichen Verwendung bereithalten.
Sie haben, wie ich selbst gesehen habe, bereits solche Räume, in denen man wissenschaftlich arbeiten kann. Dieser Vortragssaal kann jedenfalls zu einer größeren Runde von Arbeiten von Heinseforschern erweitert werden.
Mit dem Fernziel, das Sie sich selbst in Ihrer Satzung gesetzt haben und das Sie bereits eingeleitet und in seinem Anfangsstadium durchgeführt haben, mit diesem Fernziel wäre dann zugleich Langewiesen das wirkliche und dauernde Zentrum der Heinsetradition und der kommenden Heinseforschung.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

  
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