Wilhelm Heinse- Aufzeichnungen - ausgewählt von T. Zatorski
Wer nicht sagt, was er für wahr hält, ist entweder ein Heuchler, oder ein Feiger, oder ein gebrechlicher Mensch. Wer den Star stechen will, muss können sehend machen, und den Leuten beweisen, dass Sehen besser sei als Blindsein.
Das Lesen bleibt immer Unnatur, und der Mensch kann nur mit Gewalt oder durch Langeweile dazu gebracht werden. Es wird nie einer anfänglich viel Lust dazu gehabt haben.
Wer auf die Sitten wirken will, muss seine Sätze zur Religion machen. Alles andre, was die besten Schriftsteller sagen, geht zu einem Ohr hinein und zum andern wieder heraus.
Wider die Religion schreiben, hilft so viel als nichts. Das Beste, was man dabei tut, ist, man löscht aus. Und welch ein Ruhm, welch ein Verdienst, einen nassen Schwamm vorstellen ?
Die sogenannten Verständigen, die Weltleute, lesen bloß aus Langeweile. Wenn sie das Buch gelesen haben, so haben sie´s gelesen. Und damit ists aus.
Wir leben. Wir sind. Wir denken. Wir sind uns selbst bewusst. Wir können überlegen. Schließen, wählen. Wir fühlen uns frei. Aus nichts wird nichts. Es muss etwas da sein, was dies alles wirkt und tut und hervorbringt. Dies muss ewig sein. Es kann nicht werden, es ist. Es ist im kleinen in uns. Sollt es nicht im großen sein ? Es ist ein Gott. Sind wir Teile von ihm, Funken, angezündete Lichter ? Wir müssen Teile von ihm sein, denn so etwas, wie Seele, lässt sich nicht anzünden. Es ist.
Wenige Menschen kommen so weit dass sie begreifen, dass sie das nicht selbst sind, was in ihnen denkt, dass dies ein Wesen ist, was alles durchdringt und sich mit nichts vermischt, vermischen kann, sondern nur die Masse aller andern Dinge durchwandelt, erkennt, was da ist, und ordnet; und dass ihr Selbst, Kopf, Brust und Arme und Beine mit Augen und Ohren nur wenig verschieden zusammengeordnete Materie der ungeheuren Vorratskammer der Natur ist.[1]
Gut und nützlich und zuträglich ist einerlei; gut ist ein völlig relativer Begriff, und nichts ist an und für sich selbst gut. Aber schön ist jedes Ding in der Natur an und für sich, wenn es das ist, was es seiner Art und Zeit nach sein soll. Ein Löwe ist schön, ob er gleich nicht dem Menschen nützlich ist, und so jedes Element im Aufruhr. Die Sokratsche Philosophie hat das Fatale, dass sie alles auf den Menschen und die Gesetze des Staates bezieht und nichts an und für sich betrachtet; ein herrlicher Bürger war der Alte, aber dadurch hat er alle Naturmenschen gegen sich aufgebracht. Er war Athenienser mit Haut und Haar.
Der wahre Mensch ist immer traurig; seine Freuden sind Blitz in Nacht.
Ich besitze ein Arkanum, vermittelst dessen mir das Innere eines Menschen, er sei Mann oder Weib, und wenn er sich auch mit den täuschendsten Masken verbergen könne – sichtbar wird, und wodurch ich die moralische Welt betrachte, wie die Astronomen den Sternhimmel durch ihre Sehröhre. Man muss aber eine gewisse Art von Nacht um sich machen, wenn man sich dessen will bedienen können – und dies können sehr wenig Menschen, insbesondere sehr wenig Bürger der gelehrten Republik, welche fast alle die Begierde haben, sich immer in ihrem höchsten Glanze zu zeigen.
Die schlechten Menschen irren nicht sowohl in dem Urteil, das sie über die Tugend der andern fällen, als dass sie sie nicht selbst ausüben: die Tugend hat ich weiß nicht was für göttliche Kennzeichen, die selbst den Bösewichtern nicht erlauben, sie zu verkennen.
Der Deutsche isst und trinkt gern etwas Gutes, aber nichts allzu Feines oder allzu Scharfes. Er hält überhaupt die herrliche Mittelstraße, wobei man wohl am glücklichsten zu sein pflegt ; denn alles zu Scharfe oder zu Feine ist eine Spitze, die entweder nur einen Moment Empfindung läßt oder leicht Schmerz erweckt ; doch ist dieser Moment immer das höchste Leben, und folglich, wenn man Glückseligkeit ohne Rücksicht auf Zeit betrachtet, auch der glücklichste.
Rheinwein und Mosler und noch lieber beständig gutes saftiges, nicht allzu starkes Bier ist sein bestes Getränk. Der Kerndeutsche mag den Champagner nur für einen Moment, und so den Kapwein oder welsche und griechische Weine. Rindfleisch und Erbsen und Schinken und Sauerkraut sind sein Labsal. In der tierischen Liebe will er nichts von allen den französischen und welschen Erkünstelten Stellungen, sondern er sieht auf das Bequeme, Füllende und Kräftige. Seine Tapferkeit ist Mut und Stärke und Verstand; die hinterlistigen Streiche sind ihm fremd, und es fehlt nur ein Hannibal, um es ganz zu unterjochen, wenigstens, zumal in unserer ausgearteten Zeit, auf eine Zeitlang.
Dasselbe Verhältnis ist im Moralischen. Der Kerndeutsche ist ein Mittelding im Glauben, er glaubt weder zu viel noch zu wenig, wenn er in guter Natur erwachsen ist. Sein Verstand erstreckt sich nicht auf Spitzfindigkeiten.
Von Gott sich einen Begriff sich abstrahieren zu wollen ist ebenso, als ein Konzert sich als einen Ton denken.
Alles Große besteht aus Kleinem. Wer vom Kleinen nicht Besitz nimmt, kann das Große nie erwerben.
Aller Herrschaft Druck ist schwer ; man muss den Menschen immer freiwillig handeln zu lassen scheinen.
Ein Dichter ist ein Mensch, der mit scharfen Sinnen unter einem wilden Volk geboren und aufgewachsen ist, und sich in seinen besten Jahren unter aufgeklärten Köpfen ausgebildet hat. Der Beweis sind fast alle großen Dichter, Homer, Virgil, Shakespeare, Ariost.
Alles Lebendige entspringt aus keiner Quelle allein, sondern aus unzähligen Adern. Was aus einer allein entspringt, kann nicht lange bestehen.
Der Mensch handelt so lang aus Interesse und muss darnach handeln, bis er reich ist; als denn kann er mitteilen. Und das in allem, körperlich und geistig, und nach äußern Umständen. Freiheit ist Reichtum.
Kein Mensch kann auch nur einen Moment in seinem Leben mehr sein, als er eben ist.
Petrarca war in den Augen der Vernunft ein schmachtender Narr sein Leben lang, ohne alle Hoffnung. Laura hätte ihn gewiss drüber gelassen, wenn er kein Poet gewesen wäre und schon so viel Lärm geblasen hätte. Sie konnte nicht anders und musste aushalten, so weh es ihr auch vielleicht in der Seele tat, denn Petrarca war gewiss ein Mensch von dem feinsten Gefühl und außerordentlichem Talent. Nur äußerst schwach war er und von allen Menschen seines Jahrhunderts umfangen, die etwas zu bedeuten hatten, und dabei ebenso eitel. Man muss gewiss Mitleiden mit ihm und der Laura haben; es war Schicksal; sie konnten nie zusammen, es war zu weltkundig. Er war am meisten schuld, aber warum hörte er nie auf zu leiern? Großes hat er ganz und gar nichts sonst getan; seine Poesie erhebt sich über andere, weil er beständig in guter Gesellschaft lebte.
St. Peterskuppel ist zu hoch und sieht aus, als ob sie ein Gebäude für sich wäre und nicht zur Kirche gehörte. Sie wölbt sich von fern, bloß wo sie gedeckt ist; wo die Fenster sind, scheint sie ganz gerad. Gewiss ist, dass sie nicht mit der Kirche und die Kirche nicht mit ihr in Proportion steht. Man kann dies am besten von der Villa Pamfili aus sehen. Und sie ist doch schwer; man sieht, dass sie entsetzlich muss getragen werden; von wegen der Höhe.
Der Magen ist der König im Schachspiel des menschlichen Lebens.
Das Berühmtwerden der meisten geschieht mehr durch andre als durch sie selbst.
Das Glück kann man nicht machen, man muss es annehmen, wie es kömmt, aber mit Verstand brauchen.
Wer hat die Elemente so untersucht, dass er einem allein das Leben und Denken zuschreiben will; warum könnten nicht alle mehr oder minder dazu fähig sein und die ganz Natur leben und denken und empfinden.
Das Leben ist etwas flüssiges. Es ist also kein Wunder, dass sich die Menschen täglich, stündlich, ja augenblicklich verändern. Wenn wir jemanden im höchsten Grad seiner Liebe für uns in Marmor verwandeln könnten! Aber wer wollt es aushalten? Drum lasst's gehen, wie es geht: und schickt euch so gut drein als ihr könnt.
Was ist das, dass der Mensch so nach Ruhe trachtet und sie hernach doch nicht leiden kann? Dass das Ziel keins mehr für ihn ist, sobald er es erreicht hat, und er immer ein neues Leben haben muss? Ach unser Wesen hat keinen Frieden, und Brand und Glut in und über alles ist dessen erste Urkraft.
Der Glaube der meisten Menschen ist Befangenheit ohne alle Klarheit.
Ein großer Mensch, der wie ein Gott will verehrt sein, darf sich nicht sehen lassen, darf höchstens nur erscheinen.
Das Falsche und Unerträgliche des Kantischen Systems liegt darin, dass behauptet wird: Wir wüßten von den Dingen an und für sich gar nichts und hätten nur Vorstellungen davon, die gar nichts Wirkliches enthielten, die bloß Folgen der Kategorien und der Formen der Sinnlichkeit (Raum und Zeit ) wären, welche wir auf die Dinge an und für sich anwendeten. – Dieses System ist zu tyrannisch für Leben in der Welt und für glückseliges Leben, als dass es ein Mensch der fühlt, empfindet und denkt, erdulden könnte, sobald er es kennt und einsiehet. Dem Menschen werden hier die Augen ausgestochen, die Nase zertreten, die Ohren taub geschlagen, die Zunge verbrannt und alles Gefühl verhärtet. – Nicht ob eins edler, mächtiger als das andre sei; Sonne, Luft und Wasser und Dreck seien weiter nichts als bloße Vorstellungen. Mit dem tollen unsinnigen Wort Vorstellungen wird alles abgefertigt.
Der Mensch, sich selbst überlassen, glaubt von Nichts etwas zu wissen, bis er sich es einigermaßen sinnlich vorstellen kann; und wo der Sinn aufhört, fängt die Einblidungskraft an und kommt ihm zu Hilfe. Das ist so ganz seiner Natur gemäß, dadurch erklärt er sich endlich alles. Das ist die Quelle seiner Wahrheit, seines Irrtums; und er befindet sich dabei glücklich oder unglücklich, aber immer lebt er damit und regt sich und kommt damit an irgendein Ziel der Ruhe. Es gibt nicht anders für ihn in der Welt. Alle die hochtrabenden Phrasen von reiner Vernunft und Transzendentalem geben ihm keinen Genuss. Alles andre ist leer und hat keinen Gehalt.
Fahren wir also noch weiter fort, uns diese feinen, dem Auge entschwindenden Sachen durch die Einbildungskraft in etwas sinnlich zu machen.Ein Zwerg auf den Schultern eines Riesen kann weiter sehen als der Riese.[2]
Das Zufällige entsteht durch Verbindung des Notwendigen. Alles Zufällige ist zusammengesetzt, alles Notwendige einfach.
Aus nichts kann nichts entstehen, weil das Nichts kein Grund von etwas sein kann. Wenn eine Substanz entstehen sollte, so müsste sie aus dem Nichts entstehen: Weil nichts anderen der Grund von ihr sein könnte. Folglich sind alle Substanzen ewig.
Je aufgeklärter der Mensch wird, desto unglücklicher wird er. Nur die Narren sind glücklich; das ist eine ausgemachte Sache; denn nennen nicht alle gescheite Leute den einen Narren, der sich glücklich fühlt?[1] Vgl. Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, K 76: „Wir werden uns gewisser Vorstellungen bewußt, die nicht von uns abhängen; andere glauben, wir wenigstens hingen von uns ab; wo ist die Grenze? Wir kennen nur allein die Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen cogito, ist schon zu viel, so bald man es durch Ich denke übersetzt. Das Ich anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis.“
[2] Vgl. Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland: Der Zwerg, der auf den Schultern des Riesen steht, kann freilich weiter schauen als dieser selbst, besonders wenn er eine Brille aufgesetzt; aber zu der erhöhten Anschauung fehlt das hohe Gefühl, das Riesenherz, das wir uns nicht aneignen können.
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