Eine Ardinghello-Ausgabe aus dem Jahre 1921
Inhalt des Romans Ardinghello und die glückseligen Inseln
Prospero Frescobaldi,
das Ideal eines gottbegnadeten Genre-Menschen1 mit der Sturm- und Drang-Mentalität - jung, schön, voll Leidenschaft und Kraft, voll Geist und Sinnlichkeit -,
hält sich unter den Decknamen Ardinghello
als Maler in Venedig auf. Er kannte noch den alten Maler Tizian und galt als einer seiner begabtesten Schüler. Ardinghello hielt sich im Kreise venizianischer Künstler auf. Aus der Vorgeschichte, die Ardinghello seinem
Freund an den Ufern des Gardasees erzählt, erfahren wir, daß der junge Maler den florentinischen Adelskreisen entstammt. Sein Vater war in einen der vielen Mediceischen2
Familienskandale verwickelt.
Er wurde wegen angeblicher Verschwörung gegen den Staat verfolgt, floh, verlor alle seine Güter und trat als Soldat in die Dienste der Republik Venedig in Kandia (Kreta) ein. Dort starb er durch einen vom Herzog gedungenen Meuchelmörder. Ardinghello war deshalb ein entschiedener Gegner der Mediceischen
Tyrannen. Das war er jedoch nicht nur aus Rache für Familienunglück und persönlicher Beleidigung, sondern auch aus altflorentinischen Römersinn und patriotischer Empörung: ,,Oh ihr Venizianer und Genueser habt gut reden!“, ruft er aus:
,,Euch hat kein Haus, wie uns das Mediceische so niederträchtig zugrunde gerichtet und ihr strahlt frohlockend im Osten wie im Westen von Italien wie das Zwillingsgestirn am Himmel. Toskana. die alte Glorie von Welschland, liegt da im Schmutz und Trauerkleidern. mit Ketten behangen von seinen eigenen
Söhnen!"
Diese Geschichte des Frescsobaldi ist der Kern der Romanhandlung, zugleich bietet sie eine treffende Schilderung der Sitten und Gebräuche der Herrschenden in Italien des 16 Jh.
In Venedig lernt Ardinghello die erste der Frauen kennen, die seinen Lebensweg schicksalshaft bestimmen: die junge und schöne Cäcilia. Ganz im geheimen entspinnt sich ein Liebesverhältnis mit nächtlichen heimlichen Zusammenkünften. Doch in Cäciliens
Liebe lebt der Widerspruch zwischen ihrer Natürlichkeit. die sich unbedenklich für die freie Liebe entscheidet, und ihrer Befangenheit in gesellschaftlichen Traditionen, die die Erfüllung der Liebe im Familienglück und darüber hinaus in ihrer repräsentativen Funktion in der Gesellschaft sehen., wenn nicht gar verlangen.
Konflikte können daher nicht ausbleiben, als Marc Anton, der Statthalter von Kandia. um Cäcilia wirbt und als Bräutigam angenommen wird. Ardinghello erkennt in dem Nebenbuhler den Mörder seines Vaters. Der Tag der lange geschworenen Rache ist da, als er auf dem Hochzeitsfest Marc Anton ermordet.
Dieser erste Teil des Romans ist eine echte ,,Rache-Novel1e" der Renaissance3, geboren aus dem Geiste überschäumenden Strebens nach Freiheit des Sturm und Drang.
Der zweite Teil des Romans setzt die Erzählung in Briefen fort. Ardinghello hat sich von seinem Freunde getrennt und berichtet ihm von seinen Erlebnissen in Genua: vom Überfall auf
eine Hochzeitsgesellschaft durch maurische Korsaren. dem Raub der Frauen, ihre Befreiung durch den genuesischen Seehelden Andrea Doria und ihn selbst. Vor allem aber beschreibt er seine Erlebnisse mit Lucinde und Fulvia.
Durch Lucinde, eine tugendhaft-sittliche Frau, die als einzige Frau des Romans an ihrer Treue festhält, erfährt Ardinghello die "poetische" Liebe, wie ,,homerische und platonische Dichtungen“. Lucinde widersteht Ardinghellos leidenschaftlich-sinnlichem Begehren.
In ihrer Freundin Fulvia lernen wir eine völlig andere Frau kennen. ,,ganz die Gestalt einer Bacchantin in Glut und Uppigkeit, voll Körperreiz, mit frecher Seele", eine Hetäre4,
deren herausforderndes Verhalten leicht in Obzönität umschlägt. Beide Frauen verkörpern die "himmliche und irdische Liebe“.
Ardinghello sucht in ihnen vergebens das Idealbild der ,,vollen Existenz" der allseitig gebildeten Renaissance-Frau. Lucinde geht an ihren Moralvorstellungen zugrunde.
Ardinghello ruft aus: ,,Weide dich, barbarische Moral, Feindin der Lebendigen, mit Wolfsgrimm hier an deinem Opfer!“. Im Ergebnis seiner Begegnung wird Ardinghello zum bewußten Kampfer gegen jede, die Glückseligkeit der Menschen einengende Moral.
Der dritte Teil des Romans spielt am Hof der Medici zu Florenz.Hier findet Ardinghello Menschen, denen moralische Bindungen wenig bedeuten.
Am Hofe der Fürsten sind Höflinge, die nicht durch ihre Fähigkeiten, ihre Leistungen und durch eigene Kraft in ihre Positionen gelangt sind: "Bauer und Bettler haben mehr Gefühl eigener Existenz als sie." Ardinghello stellt dem Feudaladel die Demokratie gegenüber, mit ihren Individuen, die
sich durch ihre hervorragenden Fähigkeiten und schöpferischen Kräfte auszeichnen. Ardinghellos Worte:
,,Ein Staat von Menschen, die des Namens würdig sind, muß im Grunde immer eine Demokratie sein, oder mit anderen Worten: das Wohl des Menschen muß allen anderen vorangehen, jeder Teil gesund leben, Vergnügen empfinden, Nutzen von der Gesellschaft und Freude haben; der allgemeine Verstand der
Gesellschaft muß herrschen, nie bloß der einzelne Mensch."
An anderer Stelle sagt er: Sie haben allerei Blendwerk von Beschönigung ausersonnen, worunder das Täuschendste ist, dem Staate Ruh und Ordnung zu verschaffen und behende Stärke zu geben. Sie stellen sich an, als ob sie nur dessen erste Diener wären und große
Lasten auf sich trügen. Wie ist aber einer Bedienter, dem niemand befiehlt, der keinen Herrn über sich erkennt! Wie ist einer Bedienter, der nach Gutdünken Gesetze macht und gibt und keins annimmt? nach Willkür ohne Gesetz straft? gesetzt auch Ruh und Ordnung. ist dies Glückseligkeit? Im Kerker ist auch Ruh und
Ardinghello führt weiter aus:
,,Es bleibt uns nichts anderes übrig, nachdem der eiserne Arm mit Gericht und Beil über uns vereinzelten, bunten Haufen schwebt, der sich nicht mehr vereinigen kann, als daß einer des andern innerliche Kraft im Vertrauen klüglich anrege und wenigstens den einen großen Grundsatz auf die sinnlichste Weise ausbreite, daß der Staat der beste
sei, wo alle überhaupt und die Bessern und der ausbündig Vortreffliche bei den Vorfallenheiten ihre Rechte genießen. und daß man dabei nicht allein auf glücklichere Zeiten hoffe, sondern dieselben herbeileite."
Hier entwickelt Heinse seine Auffassung von der bürgerlichen Demokratie, die er nicht in der formalen Gleichheit ihrer Bürger sieht, sondern in einer Gesellschaft, in der durch Anlagen, Fähigkeiten und anderen persönliche Vorzüge ausgezeichneten Individuen sich verwirklichen können. Der
Renaissancemensch strebte nach Selbstverwirklichung,, vertraute ganz auf seine individuellen Kräfte und Fähigkeiten zur vollen Entfaltung seiner Persönlichkeit.
Ardinghello lernt eine Römerin, Fiordimona, kennen, eine emanzipierte Frau, die sich gegen die konventionelle Moralvorstellungen auflehnt. Sie lehnt die Ehe grundsätzlich ab, fühlt sich dem Manne gegenüber gleichwertig und gleichberechtigt. Sie ist schön.
gebildet, sportlich und künstlerisch begabt. Sie verkörpert das Ideal der freien Liebe in einer Gesellschaft, die sich von allen konventionellen Zwängen und Schranken befreit hat:
"Ein Frauenzimmer ist unklug, das mit einer Gestalt, die gefällt, erwuchs und Vermögen besitzt, wenn es sich das unauflösliche Joch der Ehe aufbinden läßt. Eine Göttin bleibt es, unverheiratet, Herr von sich selbst, und hat die Wahl von jedem wackeren Manne auf, solange es will. Es lebt in Gesellschaft mit den
Verständigsten, Schönsten, Witzigsten und Sinnreichsten; erzieht seine Kinder mit Lust, als freiwillige Kinder der Liebe; erhöht sich zum Manne: da es hingegen im Ehestande wie eine Sklavin weggefangen worden wäre."
Der Roman endet folgerichtig in einer Utopie.
Da sich das Ideal des freien Menschen in einer Gesellschaft in Italien des 16. Jh. nicht verwirklichen läßt, sieht Ardinghello sein Lebensziel darin, zusammen mit seinen Freunden und Freundinnen auf den glückseligen Inseln Naxos und Paros im Ägäischen Meer den Idealstaat zu gründen, in dem sie ihre Vorstellungen verwirklichen können.
Die Aufgabe des neu zu schaffenden Idealstaates ist es, die griechische Polisrepublik5 zu neuem Leben zu erwecken. Eine radikale politische Demokratie, die Aufhebung der Klassen. Gleichheit des Besitzes und Gütergemeinschaft bilden
die Grundlage des Heinseschen Utopie. Im Gegensatz zu anderen Sozialutopien befindet sich die Inselkolonie auf einer niedrigen ökonomischen Stufe. Hier wird noch Piraterie betrieben; die Bürger schämen sich nicht, sich am Sklavenhandel zu beteiligen..
Im Inselstaat herrschen Ehelosigkeit. völlige Gleichberechtigung in der Liebe. Die Frauen besitzen aber nur 10 Prozent Stimmrecht gegenüber den Männern. Gewalttätigkeit wird hart bestraft, die Kinder werden in Gymnasien nach spartanischem Vorbild erzogen.
Die glückseligen Inseln sind kein Ort des Elysiums6 ohne schöpferische Tätigkeit seiner Bewohner. Große Aufgaben stehen bevor. Marmor ward gebrochen zu Tempeln, öffentlichen Palästen und Versammlungshallen. „Das alte
Athen unter dem Perikles schien wieder aufzuleben.“ Ardinghello wird Sonnenpriester, denn als Freigeist hat er an Stelle des Christentums die Verehrung der Natur
nach dem Vorbild griechischer Naturphilosophen eingeführt.
„Kurz, wir kamen beieinander, so verschieden auch mancher vorher dachte, in folgenden Grundbegriffen überein: Kraft zu genießen, oder, welches einerlei ist, Bedürfnis, gibt jedem Dinge sein Recht, und Stärke und Verstand, Glück und Schönheit den Besitz. Deshalb ist der Stand der Natur ein Stand des Krieges. Das Interesse aller, die
sich in eine Gesellschaft vereinigen, bildet darauf Ordnung, stiftet Gesetze und innerlichen Frieden; alles richtet sich dabei, wie bei jedem anderen lebendem Ganzen, immer nach den Umständen. Der beste Staat ist, wo alle vollkommene Menschen und Bürger sind; und diesem folgt, wo die mehrsten sind. Hier wird kein Nero gedeihen!
Derjenige Mensch und Bürger ist vollkommen, welcher seinen und seines Staates Rechte kennt und ausübt. Jedes hat fürs erste das Bedürfnis zu essen, zu trinken, mit Kleidung und Wohnung sich zu schützen und zu sichern, die Wahrheit von dem Notwendigen einzusehen und, wenn es mannbar ist, das der Liebe zu
pflegen. Vermag es nicht, sich dieses friedlich zu verschaffen, so darf es dazu die äußersten Mittel brauchen; denn ohne dasselbe erhält es weder sich noch sein Geschlecht ... Der starke und tapfere hat zu mehrerm Recht, eben weil er weitre Bedürfnisse hat. Das beste Instrument gehört dem besten Virituosen, das königliche Roß
dem mutigsten und geübtesten Bereiter ...
Wirkliche (nicht bloß eingebildete und erträumte) Glückseligkeit besteht allzeit in einem unzertrennlichen Drei: in Kraft zu genießen, Gegenstand und Genuß. Regierung und Erziehung soll jedes verschaffen, verstärken und verschönern."
Max. L. Baeumer entwirft im Nachwort zur Ardinghello-Ausgabe, Stuttgart 1992, nachfolgendes Bild des Ardinghello (Auszüge):
Die den größeren Teil des Romans einnehmenden Kunstgespräche, Gemäldebeschreibungen und philosophisch-religiösen Ausführungen sind nicht planlose Ausweitungen, sondern die eigentlich wesentlichen und integrierenden Bestandteile, zu denen die Geschichte Arding-hellos mehr wie ein Rahmen, das Gerüst und ebenso die lebendige Einheit einer
Handlung gibt. Die Romanhandlung läuft, zusammen mit dem ,,methaphysischen“ All-Einheitsge-spräch, symbolhaft in utopischen Idealvorstellungen aus. Die Kunstgespräche stehen unter dem verbindenden und fortschreitenden Thema des 18. Jh. über die Eigenart und Grenzen der Malerei, Bildhauerkunst und Poesie und sind im einzelnen eine kritische
Ausein-andersetzung mit den Auffassungen Lessings und Winckelmanns. Die Gemäldebeschrei-bungen geben jeweils, wie im geringeren Maß auch die Natur- und Liebesschilderungen, lebendige Beispiele zu den theoretischen Eröterungen und Grundsätzen...
Der Ardinghello ist kein Entwicklungs- oder Bildungsroman seelischer Reifung und Entfaltung, sondern ein Roman gelehrten Wissens, gelehrsamer Diskussion und ästhetischer Bildung, vermischt mit sensualistischen Erlebnisschilderungen. Er ist weniger ein Künstler- als vielmehr ein Kunstroman. Er ist kein sozialpolitischer oder Verwirklichung
fordernder, utopischer Staatsroman noch ein historischer Renaissanceroman.
1 Genre-Mensch ist ein Alltagsmensch
2 Medici ist ein geadeltes italienisches Kaufmannsgeschlecht vom 13.-18.Jh.
3 Renaissance: wörtl. ,,Wiedergeburt“, Kulturrichtung zw. Mittelalter u. Neuzeit.
4 Hetäre: griech. ,,Gefährtin“, in der Antike hochgebildete, einflußreiche Geliebte.
5 Polisrepublik: altgriechischer Stadtstaat
6 Elysium: Land der Seligen in der Unterwelt (aus der griech. Mythologie)
Quellen:
- Erläuterungen zur deutschen Literatur. Sturm und Drang. Verlag Volk u. Wissen. Berlin 1958.
- Wilhelm Heinse: Ardinghello und die glückseligen Inseln. Philipp Reclam jun. Leipzig 1973 und Stuttgart 1992.
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